Alltag · Kapitel 2.4 · 19. Juli 2026

Absturz, Existenz­ängste und Hoffnung

Heute nehme ich euch an keinen schönen Ort mit.

Euer Dominik, willkommen an Bord.
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Hinweis: In diesem Kapitel geht es um Depressionen, Panikattacken und Suizidgedanken. Bitte lies nur weiter, wenn es sich für dich gerade richtig anfühlt.

Normalerweise nehme ich euch hier mit ans Meer. In den Sonnenuntergang. Auf eine Insel, in unseren Bulli oder an irgendeinen Ort, an dem der Wind für einen Moment alles durcheinanderwirbelt und danach trotzdem wieder ein bisschen Ordnung im Kopf herrscht.

Heute nicht.

Heute nehme ich euch mit an einen Ort, an dem es keinen Horizont gibt. Einen Raum ohne Fenster, ohne Richtung und ohne die Gewissheit, dass es draußen irgendwann wieder hell wird.

Dieser Ort ist in mir.

Ich habe lange überlegt, ob ich dieses Kapitel wirklich veröffentlichen kann. Vielleicht auch, ob ich es veröffentlichen darf. Denn es ist kein schönes Kapitel. Es ist nicht inspirierend, nicht rund und am Ende wartet auch kein sorgsam formulierter Satz, der plötzlich alles wieder gut macht. So funktioniert das Leben leider nicht. Zumindest meines gerade nicht.

Ich dachte wirklich, ich wäre über den Berg

Das Leben ist manchmal eine ziemlich eigenwillige Achterbahn. Erst geht es steil nach oben. Man spürt Euphorie, Vertrauen und dieses warme Gefühl, dass sich nun endlich etwas bewegt. Und dann stellt man irgendwann fest, dass man sein Vertrauen vielleicht den falschen Menschen gegeben hat.

Der Wagen kippt. Es geht nach unten. Und zwar nicht langsam genug, um noch irgendwo aussteigen zu können.

Nach dem Filmcamp in der Toskana war da Hoffnung. Da waren Kreativität, Gemeinschaft und dieses Gefühl, wieder irgendwo dazuzugehören. Ich hatte meine Ausbildung als Videograf selbst finanziert, viel investiert und geglaubt, dass sich daraus nun etwas entwickeln könnte. Nicht irgendwann. Jetzt.

Eigentlich sollte es weiter nach Bulgarien gehen. Coworking, gemeinsame Projekte, voneinander lernen und miteinander arbeiten. Genau das, wonach ich mich lange gesehnt hatte. Es klang nach Aufbruch. Am Ende führte die Reise nicht nach Bulgarien, sondern zurück in meinen eigenen Garten.

Aus Bulgarien wurde mein Garten

Ich fuhr durch Italien nach Österreich, zu einem Van. Von dort wollten wir eigentlich weiter. Doch dann änderte sich der Plan. Es gab in der Nähe meiner Heimat einen privaten Kontakt und die Frage, ob wir die gemeinsame Zeit nicht einfach zu mir verlegen könnten. Also fuhren wir nach Hause. Der Camper stand bei uns im Garten. Eigentlich war das sogar ganz schön. Zwei Vans, ein Haus, eine Familie und irgendwo dazwischen die Vorstellung, dass hier gerade etwas Neues entstehen könnte.

Nur entstand eben nicht besonders viel.

Die Zusammenarbeit bestand aus kleinen Zeitfenstern. Gefühlt durfte ich am Tag ein paar Fragen stellen und musste sehr genau überlegen, welche davon wichtig genug waren. Ich wollte über die Schulter schauen, lernen, gemeinsam an Projekten arbeiten. Ich wollte verstehen, wie aus Ideen etwas Echtes wird. Stattdessen hatte ich immer häufiger das Gefühl, mit meinen Fragen zu stören.

Abends kam es teilweise kurz vor zehn zurück, obwohl bei uns zwei Kinder lebten, die am nächsten Morgen in die Schule mussten. Dann war da noch Hunger, also stellte man sich hin und kochte. Nicht, weil man musste. Sondern weil man ein Gastgeber ist. Weil man helfen möchte. Weil ich wahrscheinlich viel zu lange daran glaube, dass sich aus menschlicher Wärme irgendwann automatisch auch menschliche Verlässlichkeit entwickelt.

Heute weiß ich: Das eine hat mit dem anderen nicht zwangsläufig etwas zu tun.

Ich wollte kein Geld. Ich wollte, dass es echt wird

Nach mehr als einer Woche war diese gemeinsame Zeit vorbei. Für die Fahrt quer durch Italien bekam ich hundert Euro für den Sprit. Eine Tankfüllung hatte mich deutlich mehr gekostet. Aber ehrlich gesagt ging es mir nie um diese vierzig Euro Differenz. Es ging nicht einmal um die hundert. Ich wollte keine Bezahlung für eine Gefälligkeit. Ich wollte, dass aus all den Gesprächen, Versprechen und Ideen endlich etwas Echtes entsteht. Etwas, das nicht nur für ein paar Tage in der Luft schwebt und sich anschließend geräuschlos auflöst.

Ich möchte fair bleiben: Ich habe gelernt. Ich habe neue Dinge gesehen, ausprobiert und verstanden. Aber Dankbarkeit bedeutet nicht, dass man die eigene Enttäuschung verschweigen muss. Beides darf nebeneinanderstehen. Ich kann dankbar für das sein, was ich lernen durfte, und trotzdem sagen, dass ich mich danach benutzt, alleingelassen und enttäuscht gefühlt habe.

Vielleicht ist genau das die unangenehmste Wahrheit: Nicht alles ist nur gut oder nur schlecht. Menschen können dir etwas geben und dich trotzdem verletzen.

Danach kam ein weiteres Projekt. Und wieder dachte ich: Vielleicht ist es jetzt so weit. Doch auch dort wurde am Ende mehr erwartet, als besprochen war und als ich leisten konnte. Das Projekt scheiterte.

Wieder vertraut. Wieder investiert. Wieder gehofft. Wieder nichts.

In den vergangenen Jahren habe ich mehr als einmal auf Menschen gesetzt, die große Worte hatten. Einmal legte ich meine größte Hoffnung in einen Menschen, den ich damals für einen engen Freund hielt. Auch diese Hoffnung ist zerbrochen. Ich möchte hier keine Namen nennen und keine öffentliche Abrechnung führen. Das hier soll kein Gerichtssaal sein. Es ist mein Blog. Mein Leben. Und meine Frage, warum ich offenbar immer wieder Menschen vertraue, die in meinem Kopf bereits gemeinsame Häuser bauen, während sie selbst noch nicht einmal einen Ziegelstein in der Hand halten.

Dann lagen da nur zwei Briefe

Manchmal braucht es keine große Katastrophe, damit alles zusammenbricht. Manchmal reichen zwei Briefumschläge. Einer kam vom Steuerberater. Der andere von der Krankenkasse. Für viele Menschen sind das zwei Schreiben, die man öffnet und bearbeitet. Für mich waren sie in diesem Moment zwei Abgründe.

Plötzlich war sie wieder da, diese Panik. Nicht dieses leichte Herzklopfen, das man vor einem unangenehmen Telefonat kennt. Sondern eine Welle, die durch den Körper schießt und alles mitreißt. Die Beine werden weich. Der Kopf wird laut. Aus einem Brief wird innerhalb weniger Sekunden der Verlust des Hauses, der Familie und der gesamten Zukunft.

Und hinter diesen Briefen standen keine kleinen Nachzahlungen. Es ging um monatliche Beiträge, die mich über Jahre begleiten würden. Um die ungeklärte Frage, wie meine Berufsunfähigkeitsrente überhaupt bewertet wird. Und um die Verantwortung für eine Familie, die getragen werden will. Meine Frau arbeitet längst zusätzlich, wir strecken uns – und im Hintergrund läuft der berufliche Neustart, der erst einmal vor allem Kosten macht. Aus Zahlen auf Papier wurde in meinem Kopf innerhalb weniger Sekunden die Angst, alles zu verlieren.

Nach mehr als dreihundert Bewerbungen habe ich noch immer keine neue Arbeitsstelle gefunden. Mal scheine ich überqualifiziert zu sein. Mal passt mein Lebenslauf nicht. Mal kommt gar keine Antwort. Vielleicht liegt es auch an mir. Ich weiß es nicht. Ich wollte nie den Rest meines Lebens zu Hause sitzen. Ich wollte mich entwickeln, eine Aufgabe übernehmen und wieder das Gefühl haben, gebraucht zu werden. Stattdessen stehe ich immer häufiger vor einer verschlossenen Tür, hinter der das normale Leben der anderen stattfindet.

Ich möchte nicht jammern. Ich weiß, dass andere Menschen ebenfalls Sorgen haben. Vielleicht sogar viel größere. Aber Angst führt keine Rangliste. Sie fragt nicht, ob jemand anderes gerade mehr leidet. Sie kommt einfach herein, setzt sich mitten in dein Leben und nimmt so viel Raum ein, bis für keinen anderen Gedanken mehr Platz bleibt.

Zwei ungeöffnete Briefe auf einem Holztisch im kühlen Morgenlicht

Am Abendbrottisch saßen meine Kinder – und ich war schon halb verschwunden

An diesem Abend saß ich mit meinen Kindern am Tisch. Sie waren da. Direkt vor mir. Und trotzdem fühlte es sich an, als würde ich sie aus einer sehr großen Entfernung betrachten. Ich bekam kaum ein Wort heraus. In meinem Hals saß ein Kloß, mein Körper war anwesend, aber innerlich hatte ich mich bereits irgendwo verabschiedet.

Da war wieder dieser Gedanke, den ich aus einer früheren Zeit kannte. Der Gedanke, nicht mehr leben zu wollen. Der Gedanke, dass meine Familie vielleicht besser dran wäre, wenn ich nicht mehr da wäre.

Depressionen können einem solche Dinge einreden. Sie stellen sich neben dich und sprechen mit deiner eigenen Stimme. Sie sagen dir, dass du eine Belastung bist. Dass du versagt hast. Und in diesem Moment klingen diese Lügen erschreckend vernünftig.

Leerer Abendbrottisch mit leeren Stühlen in gedämpftem Dämmerlicht

Ich sah meine Kinder an und hatte das Gefühl, sie vielleicht zum letzten Mal so zu sehen.

Das ist schwer zu schreiben. Aber genau so war es.

Meine Frau fragte ein zweites Mal

Ich konnte mit niemandem darüber sprechen. Zumindest glaubte ich das. Bis meine Frau mich am Abend ansah und sagte, sie wolle jetzt wirklich wissen, was mit mir los ist. Nicht das übliche „Alles okay?", auf das man automatisch mit „Ja, alles gut" antwortet. Sie fragte noch einmal. Und ich erzählte es ihr.

Ich sagte ihr, dass diese Gedanken wieder da waren. Dass ich nicht wusste, wie ich weitermachen sollte. Dass ich müde war. Nicht nur körperlich, sondern an einer Stelle in mir, die man nicht ausschlafen kann.

Das letzte Mal, dass jemand davon wusste, lag ungefähr drei Jahre zurück. Diese Erkrankung ist auch der Grund, warum ich nicht mehr fliegen darf. Panikstörungen, Medikamente und all das, was anschließend kam, machten mich dauerhaft fluguntauglich. So verlor ich nicht nur einen Beruf. Ich verlor den Ort, an dem ich fast fünfundzwanzig Jahre lang gewusst hatte, wer ich bin.

Meine Frau versuchte, mich aufzufangen. Sie konnte diese Dunkelheit nicht einfach ausschalten. Aber sie sorgte dafür, dass ich in dieser Nacht nicht allein damit blieb.

In Herbie wird die Welt ein bisschen kleiner

Später nahm ich die Medikamente, die mir meine Psychologin für solche Situationen verschrieben hatte, und zog mich in meinen Bus zurück. In Herbie. Ich schlafe manchmal sogar zu Hause im Van. Das Haus steht nur wenige Meter entfernt. Und trotzdem fühle ich mich in diesem kleinen Bus manchmal sicherer. Wenn die Tür geschlossen ist, wird die Welt kleiner. Überschaubarer. Keine offenen Räume. Keine Erwartungen. Keine Briefe auf dem Tisch.

Vernünftig erklären kann ich das nicht. Aber Herbie hat mir schon einmal das Leben gerettet. Damals, als ich meinen Job verlor. Als meine Mutter starb und ich glaubte, dass nichts mehr von mir übrig sei. Herbie fuhr mit mir los. Er stellte keine Fragen. Er brachte mich einfach an Orte, an denen das Meer rauschte, Berge vor den Fenstern standen oder morgens Licht durch die Scheiben fiel. Wir blieben stehen. Wir fuhren weiter. Wir erlebten Dinge. Und irgendwann begann ich wieder, etwas zu spüren.

Nicht sofort Glück. Aber Leben.

Anonyme Silhouette sitzt nachts still im dunklen Campingbus und blickt hinaus
Nur wenige Meter vom Haus entfernt – und trotzdem weit genug weg, um für eine Nacht mein Schutzraum zu sein.

Hoffnung sieht nicht immer nach Hoffnung aus

Und trotzdem sitze ich jetzt hier. Ich spreche diese Worte ein. Ich schreibe sie auf. Vielleicht ist das bereits ein kleiner Teil von Hoffnung.

Hoffnung sieht nicht immer aus wie ein Sonnenaufgang über dem Meer. Manchmal ist Hoffnung nur der Moment, in dem man seiner Frau endlich die Wahrheit sagt. Manchmal ist sie eine Tablette, die man so einnimmt, wie es mit der Psychologin besprochen wurde. Manchmal ist sie eine geschlossene Bustür. Ein Atemzug. Ein Text. Oder die Entscheidung, noch eine Nacht zu bleiben.

Ruhiges offenes Meer am grauen Morgen mit weichem Horizont

Ich brauche keinen Retter. Aber ich brauche wieder Halt

Denn was mir am meisten fehlt, ist gar nicht nur Geld. Es ist eine Aufgabe. Verbindlichkeit. Ein Grund, morgens aufzustehen und zu wissen, dass jemand auf das wartet, was ich erschaffe. Es geht darum, wieder gebraucht zu werden. Rauszukommen aus dieser Einsamkeit.

Aber kein Mensch und kein Projekt darf die Verantwortung dafür tragen, mich zu retten. Das wäre zu viel verlangt. Eine Aufgabe kann mir Struktur geben. Ein Projekt kann mir Mut schenken. Gegen diese Dunkelheit aber brauche ich mehr als Arbeit. Ich brauche Menschen. Professionelle Hilfe. Meine Familie. Und vermutlich auch den Mut, früher zu sagen, wenn es wieder kippt. Nicht erst dann, wenn ich innerlich schon am Abgrund stehe.

· · ·

Ich bin noch da

Ich weiß gerade nicht genau, wo mein Weg weiterführt. Nicht nach links. Nicht nach rechts. Nicht vor und nicht zurück. Aber vielleicht muss ich heute auch noch keine Richtung kennen. Vielleicht reicht es für diesen Moment, dass ich noch hier bin.

Dass meine Frau gefragt hat. Dass ich geantwortet habe. Dass meine Kinder am Tisch saßen. Dass Herbie vor dem Haus stand. Und dass ich diese Geschichte erzähle.

Dieses Kapitel endet deshalb nicht mit einem Happy End. Noch nicht. Es endet mit einem Satz, den ich mir selbst gerade immer wieder sagen muss:

Ich bin noch da.

Und vielleicht beginnt Hoffnung manchmal genau so. Leise. Zögerlich. Ohne großen Plan. Aber sie ist da.

Warmes Morgenlicht im Campingbus auf einer Hand und einem Becher Kaffee

Bis dahin. Liebste Grüße.

Euer Dominik

Ein persönlicher Hinweis: Falls du dich in diesen Worten wiedererkennst und gerade darüber nachdenkst, dir etwas anzutun, bleib bitte nicht allein. Ruf bei akuter Gefahr den Notruf 112 oder geh direkt in die nächste Notaufnahme. Die TelefonSeelsorge erreichst du in Deutschland Tag und Nacht kostenlos und anonym unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. Du musst in diesem Moment nicht wissen, wie dein ganzes Leben weitergeht. Es reicht, jetzt jemanden anzurufen.
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