Hinweis: In diesem Kapitel geht es offen um Angststörung, Panikattacken und Depression. Lies nur weiter, wenn es sich gerade richtig anfühlt. Unten findest du Hilfe.
Ein paar Tage ist es her, seit ich die Bustür hinter mir zugezogen habe.
Und ich wünschte, ich könnte euch erzählen, dass es seitdem bergauf ging. Die Wahrheit ist: Die letzten Tage waren intensiv. Sie haben mich Kraft gekostet, die ich eigentlich nicht übrig hatte.
Manchmal steht man sich selber im Weg.
Ich weiß das. Und ich tue es trotzdem.
Zwei Briefe, Dramaturgie hoch zehn
Es sind Lappalien. Dinge, über die andere Menschen nicht mal stolpern würden. Zwei „lächerliche" Briefe — und für mich sind sie das Tor zum Untergang der Welt. Dramaturgie hoch zehn. Ich kann das selbst sehen, von außen, ganz klar. Normalerweise müsste einen jetzt jemand wachrütteln: Hey, Junge. Wach auf. Mach nicht aus einer Mücke einen Elefanten.
Nur zwischen Wissen und Fühlen liegt bei dieser Krankheit ein Ozean.
Erst nach Tagen, nach dem Termin bei meiner Psychologin, hat sich das Ganze wieder in die richtige Richtung geschoben. Aus den Augen, aus dem Sinn — so ungefähr funktioniert mein Frieden gerade.
Meine Psychologin setzt mich unter Druck. Absichtlich
Sie macht dabei etwas sehr Bewusstes: Sie schiebt mich an meine Grenzen, weil ich genau daran arbeiten muss. Diesmal war es die Versicherung — die, die meine Rente zahlt, damit ich monatlich über die Runden komme. Jedes Jahr wollen sie eine Leistungsüberprüfung. Jedes Jahr. Für einen Menschen, von dem längst feststeht, dass er seinen Beruf nie wieder ausüben darf. So viel Irrsinn ist für mich an guten Tagen schwer zu verstehen. Mit Tunnelblick ist er unerträglich.
Und dann sagt sie mir, sie komme gerade nicht dazu, diesen Nachweis zu schreiben. Das dauert eben. Damit muss ich klarkommen — ausgerechnet ich. Ich habe mein Leben lang gelernt: Arbeit, die da ist, wird erledigt. Sofort. Man legt sie nicht weg. Genau deshalb macht sie es so. Geduld ist bei mir keine Tugend, sie ist eine Baustelle.
Es gab Übungen an diesen Tagen. Dinge, die helfen sollen.
Unterm Strich ging es mir nicht wirklich besser. Ich lerne, damit umzugehen. Mehr ist es manchmal nicht. Und manchmal ist genau das schon Arbeit genug.
Ich kann so viel — und kann es nicht zeigen
Das eigentlich Verrückte ist der Widerspruch, in dem ich gerade lebe. Denn technisch wachse ich so schnell wie nie. Ich kann heute Dinge, die vor Wochen undenkbar waren. Luftraumwerk. Ocean Zero. Das ist kein Hobby-Kram — das ist ein Mammutwerk, das es vor Kurzem noch gar nicht geben konnte. Ich arbeite mittlerweile mit KI auf einem Level, das für mich früher unerreichbar war. Ich müsste eigentlich nur rausgehen, zu Kunden, und sagen: Schaut mal, was ich kann.
Ich habe die Möglichkeiten. Ich habe die Fähigkeiten.
Und ich kann sie nicht nach draußen tragen. Meine Angststörung, meine blöde Panikstörung, meine Depression stehen davor wie ein Türsteher. Das ist es, was mich wahnsinnig macht: Es scheitert nicht am Können. Es scheitert an mir.

Was mich hält: Medikamente. Und Herbie
Der Bus ist für mich ein Geschenk. Er verbindet mich mit Erinnerungen an Orte, die mich schon einmal ins Leben zurückgeholt haben. Damals musste ich einfach los. Und ich muss auch jetzt. Ich will auch jetzt.
Nur manchmal stehe ich mir selber im Weg.
Wie die Tage waren? Grausam. Schwer. Die Antriebslosigkeit hat nichts davon leichter gemacht. Aber ich will kämpfen. Ich bin dran.

Und dann war da das Konzert
Meine Frau hat mir zum 50. Geburtstag Karten geschenkt. Ein Freilandkonzert — bewusst gewählt, viel Platz, viel Luft. Ich war mir sicher, wirklich sicher: Daran kann ich teilhaben. Ich habe mich wahnsinnig gefreut.
Liebe Nina, falls du das irgendwann liest: Es tut mir wahnsinnig leid. Die Panikstörung war größer.
Wir sind hingefahren, weit weg vom Trubel, mit dem Shuttle-Bus zum Gelände. Und schon dieser Bus — es war, als hätte mir jemand einen Elektrostab ins Nervensystem gesetzt. Die jungen Mädels um uns fingen an zu singen. Eigentlich ist das süß. Für mich war es Stress pur. Der Bus eng, voller Menschen, draußen Regen. Und dann wurden alle in einen Konzertbereich geschleust — eingezäunt, von außen nicht einsehbar.
Alle Schalter auf Rot. Dann ging gar nichts mehr.

Dieses Hin und Her — gehst du rein, gehst du nicht — am Ende habe ich verloren. Ich bin abgezogen, mit gesenktem Haupt. Ich habe danach stundenlang kein Wort gesprochen. Nicht aus Trotz. Aus Wut auf mich selbst. Weil ich doch nur eines will: wie ein normaler Mensch am Leben teilhaben.
Was Panik mit dem Körper macht
Einfach mit Menschen zusammensitzen und lachen. In ein paar Tagen ist bei uns wieder Annafest, und ich würde so gerne hingehen. Einfach unter Leute. Aber das ist das, was von außen niemand versteht: Diese blöden Panikattacken machen mit deinem Körper, was sie wollen. Jedes Mal fühlt es sich an, als würde mir jemand mit einem Elektrostab durchs Nervensystem fahren.
Das tut weh. Körperlich weh.
So war die Zeit. Auf und Ab. Und eigentlich — nein, nicht eigentlich: Es ist der Zeitpunkt, mehr zu machen. Nicht an derselben Stelle hängen bleiben. Ich gebe nicht auf. Ich werde diese Panikstörung irgendwann besiegen, allein schon, weil ich schlicht keine Lust mehr auf sie habe.
Arbeitslos — das Wort passt nicht mal. Eigentlich hätte ich Arbeit. Ich stehe mir nur, wie immer, selber im Weg. Das ist es, was mich fertig macht. Und gleichzeitig ist es der Grund, warum ich weitermache.
Hört nicht auf zu kämpfen
Deshalb, an jeden da draußen, der Depressionen kennt, Panik, die Angst vor Menschen: Hört nicht auf zu kämpfen. Gebt nicht auf. Steckt den Kopf nicht in den Sand. Macht die Sachen, vor denen ihr Angst habt. Ich mache es immer wieder. Ich bin auf dieses Konzert gefahren. Unterm Strich habe ich verloren — oder versagt, je nachdem, wen man fragt.
Aber ich habe es versucht. Und das zählt mehr, als es sich anfühlt.

Der Glaskasten
Die Ist-Situation sieht so aus: Ich sitze wieder vor meinem Computer, allein zu Hause, und überarbeite Fehler. Meine Frau geht arbeiten — zwei Jobs mittlerweile. Sie trägt gerade die ganze Familie, weil ich es nicht stemmen kann. Ich bin ihr dafür unendlich dankbar. Und sie ist müde davon. Sie will abends ankommen, ich will endlich mal raus. Das ist unser Zwiespalt, und keiner von uns hat ihn sich ausgesucht.
Ich sitze hier in meinem Glaskasten, gefangen vor dem Bildschirm, und baue Dinge, die da draußen gebraucht werden. Aber niemand hört sie. Weil mich keiner hört.
Vielleicht ist genau das der Grund für diesen Blog. Dass da draußen jemand mitliest und dieses Gefühlschaos ein bisschen besser einsortieren kann. Jemand, der mir vielleicht schon einmal gegenübergesessen hat und sich gewundert hat, warum ich kein Wort sage.
Warum ich da bin — und trotzdem nicht da.
Ein Lichtblick
Zusammengefasst waren die letzten Tage ermüdend. Aber sie waren auch nach vorne gerichtet. Denn einen Lichtblick muss es geben, und ich habe ihn uns selbst geschaffen: Wir fahren als Familie wieder in einen richtigen Sommerurlaub. Meine Kinder sollen nicht immer nur die Krankheit ihres Vaters erleben. Wohin es geht, verrate ich noch nicht. Der Weg dorthin wird für mich hart, ohne Medikamente nicht machbar. Aber der Ort — der Ort ist für meine Seele gemacht. Ich nehme euch mit.
Und ich habe euch noch so viel versprochen. Zu Crewlife muss ich euch unfassbar viel erzählen. Im Reiseblog schließen sich die Lücken weiter. Und zu Vanlife — da muss ich euch dringend etwas erzählen, denn am 16.11. dieses Jahres wird sich einiges ändern.
Schön, dass ihr da seid. Hier im Blog steht übrigens immer mehr als in der Podcast-Folge — Schreiben gibt mir mehr Freiheit als sechs Minuten Audio.

Danke fürs Mitlesen. Danke fürs Zuhören. Danke, dass ihr mich begleitet.
Euer Dominik