Alltag · Kapitel 2.10 · 27. September 2026

Diesmal hatte ich Koffer dabei

Vierzehn Tage Thailand mit meiner Familie. Und ein schwarzer Hund, der brav am Flughafen gewartet hat, bis ich wiederkomme.

Euer Dominik, willkommen an Bord.
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Hinweis: In diesem Kapitel geht es offen um Angst, Medikamente und Depression. Lies nur weiter, wenn es sich gerade richtig anfühlt. Unten findest du Hilfe.

Leute, ich muss euch etwas gestehen, das mich selbst überrascht hat. Als es nach Thailand ging, war da keine Vorfreude.

Ihr kennt das doch, dieses Kribbeln zwei Wochen vorher. Man zählt die Tage, man packt im Kopf schon dreimal um, und irgendwann fällt beim Gedanken an den Abflug der ganze Krempel von einem ab. Bei mir kam das diesmal nicht. Da war nur dieses merkwürdig verhaltene Gefühl. Auf der einen Seite: Ich komme nach Hause. Auf der anderen ein kleiner bitterer Beigeschmack, den ich mir nicht erklären konnte.

Hoffentlich wird das einigermaßen gut.

Und dann stand ich im Flur und habe auf mein Gepäck geschaut, und da wusste ich es. Sonst steht da mein Rucksack. Einer. Mehr brauche ich nicht, wenn ich alleine losziehe. Diesmal standen da Koffer.

Wenn ich alleine fliege, nehme ich einen Rucksack. Wenn ich mit meiner Familie fliege, brauche ich Koffer, weil so viel mehr mitmuss. Angst zum Beispiel. Die braucht erstaunlich viel Platz.

Der Preis für den Sitzplatz

Und weil wir gerade beim Ehrlichsein sind, erzähle ich euch auch gleich den Rest.

Ich reise. Das seht ihr hier ja ständig. Was ihr nicht seht: Ich kann nur unter starken Medikamenten reisen. Ich nehme Tavor, verschrieben und begleitet, und das ist kein Bonbon, das man sich zwischendurch in den Mund schiebt. Das Zeug legt einen um.

Das ist auch die Antwort auf die Frage, die mir seit Jahren gestellt wird: Wie kann der denn nicht mehr fliegen, wenn er doch dauernd fliegt? Ganz einfach. Wer solche Beruhigungsmittel braucht, um überhaupt einzusteigen, darf nach den Regeln der Luftfahrtbehörde kein Gerät bewegen. Und erst recht nicht für fünfzig Menschen geradestehen, die hinten sitzen und darauf vertrauen, dass vorne jemand weiß, was er tut.

Fünfundzwanzig Jahre lang war ich dieser Jemand. Heute bin ich der, der hinten sitzt und schläft.

Der Flieger war nicht voll, wir haben ein kleines Upgrade bekommen, und ich hatte eine ganze Reihe für mich. Ich bin nach dem Start eingeschlafen und zur Landung wieder aufgewacht. Dazwischen: nichts. Elf Stunden, die es für mich nie gegeben hat.

Das ist der Preis, und ich zahle ihn gerne. Ich mache mich für eine Nacht bewusstlos, damit ich danach zwei Wochen lang wieder in der Welt bin.

Der erste Atemzug

Und dann öffnet sich diese Flugzeugtür.

Blick aus einer offenen Flugzeugtür auf ein tropisches Rollfeld mit Palmen im Gegenlicht
Elf Stunden, die es für mich nie gegeben hat. Und dann das hier.

Ihr müsst euch das so vorstellen: In Deutschland hatte ich wochenlang wieder Ärger mit den Bronchien. Jeder Atemzug so ein bisschen zu klein. Man gewöhnt sich daran, man denkt nicht mal mehr drüber nach.

Und dann stehe ich in dieser Tür, und diese warme, feuchte, nach allem Möglichen riechende Luft schlägt mir entgegen, und mein Körper macht einfach auf. Ohne dass ich irgendetwas dafür tue.

Mir ging es an diesem Tag so gut wie seit Jahren nicht.

Später habe ich mir durch Klimaanlagen und Zugluft trotzdem eine Erkältung eingefangen. Aber wisst ihr was? Eine Erkältung in Thailand ist etwas völlig anderes als eine Erkältung in Deutschland. Du gehst ins Meer, drei Züge Salzwasser durch die Nase, und danach geht es dir besser als vorher. Das Klima ist bei mir kein Wohlfühlfaktor. Es ist Medizin.

Ein Mann steht von hinten fotografiert bis zu den Waden im flachen türkisfarbenen Meer
Das Klima ist bei mir kein Wohlfühlfaktor. Es ist Medizin.

Und jetzt der Satz, für den ich diesen Beitrag eigentlich schreibe.

Ihr steht morgens auf. Nichts tut weh, nichts bremst, der Kopf ist ruhig, der Körper macht mit. Ihr denkt keine Sekunde darüber nach, weil es eben so ist.

Was für euch Alltag ist, ist für mich ein Geschenk.

Die Leute sagen mir oft: Man sieht dir doch gar nichts an. Und sie haben ja recht. Wie soll man das auch sehen? Manchmal hätte ich gerne ein Schild um den Hals, auf dem einfach steht: Heute nicht. Heute ist ein schlechter Tag.

Zwei Stunden, die mir gehörten

Wie ist Thailand mit Kindern? Ich sage es euch ganz ehrlich: Nach so einem Urlaub bräuchte man einen Urlaub von den eigenen Kindern. Das ist liebevoll gemeint. Es ist trotzdem wahr.

Nur hat das Ganze einen Vorteil gehabt, auf den ich nicht gekommen wäre. Meine Kinder schlafen. Lange. Und dadurch gehörte mir der schönste Teil des Tages ganz alleine.

Ich bin aufgestanden wie früher. Sechs, halb sieben. Draußen war es schon hell, weil die Sonne dort das ganze Jahr über um sechs aufgeht und um halb sieben abends wieder verschwindet, ohne Diskussion. Ich bin auf den Roller und in mein Café gefahren. Mein Café, sage ich, als würde es mir gehören.

Und dann saß ich da. Laptop auf, Kaffee daneben, ein bisschen gearbeitet, ein paar Dinge erledigt, die den Tag später leichter machen. Draußen wird die Straße langsam wach, die Rollläden gehen hoch, irgendwo brät schon jemand irgendwas.

Zwei Stunden, in denen mich niemand brauchte.

Ein Glas Kaffee auf einem Holztisch am frühen Morgen, dahinter Palmen und das offene Meer
Mein Café, sage ich, als würde es mir gehören.

Um elf, halb zwölf sind wir dann gemeinsam frühstücken gegangen. Damit war der Tag natürlich kurz, wenn die Sonne um halb sieben Feierabend macht. Aber ich habe in diesen Morgenstunden mehr aufgeladen als in den zwei Wochen sonst.

Der Hubschrauber

Zu Hause schlafe ich alleine. Auch getrennt von meiner Frau. Ich kann nicht neben jemandem einschlafen, das geht einfach nicht.

Im Urlaub machen wir es trotzdem anders, das ist bei uns inzwischen Tradition: Der Kleine schläft bei mir, der Große bei seiner Mutter. Jeder hat sein großes Bett, alles wunderbar.

Nur spielt der Kleine im Schlaf gerne Hubschrauber.

Manchmal auch Fußball. Sein Körper ist jedenfalls die ganze Nacht im Einsatz, und man bekommt im Halbschlaf die eine oder andere ab. Das sind die Zärtlichkeiten, die er mit mir austauscht. Er kann nichts dafür, und ich mache ihm daraus keinen Strick. Nur bin ich jemand, der bei jedem Geräusch wach ist und danach zwei Stunden liegt und an die Decke guckt.

Vierzehn Nächte lang.

Und dann sage ich es euch, wie es war: Meine erste Nacht wieder zu Hause in Herbie war gigantisch. Eine Nacht am Stück. Von alleine aufwachen. Ich hätte weinen können.

Er hat geweint

Am vorletzten Tag saßen wir beim Frühstück, und mein Großer hat angefangen zu heulen.

Nicht wegen irgendwas. Sondern weil es nach Hause gehen sollte. Es sei der schönste Urlaub gewesen, den wir je hatten, hat er gesagt. Und dann kam noch hinterher, dass er ja noch nie in Bangkok war. Dass er Bangkok so gerne mal sehen würde.

Gedeckter Frühstückstisch an einem Strand, dahinter das Meer mit einem Boot am Steg
Es sei der schönste Urlaub gewesen, den wir je hatten, hat er gesagt.

Ich sitze da mit meinem Kaffee und denke: Warum eigentlich?

Warum müssen wir jetzt nach Hause? Wer sagt das?

Also habe ich die Flüge verfallen lassen. Einfach so. Neue Tickets über meinen Benefit bei der Lufthansa gezogen, und wir sind ein paar Tage später geflogen.

Leute, das war die beste Entscheidung des ganzen Urlaubs. Und ehrlich gesagt auch die teuerste, aber nicht in Geld.

Bangkok, ehrlich gesagt

Denn Bangkok war seelisch mein Genickbruch.

Bangkok ist eine Metropole für sich. Laut, stickig, heiß, schmutzig, ununterbrochen in Bewegung. Eine Stadt, die nicht zu mir passt und die das auch nie behauptet hat. Aber ich wollte sie meinen Kindern zeigen. Wat Arun, das MBK Center, den Chatuchak Market, Chinatown. Einmal Bangkok mit allem.

Wenn ich alleine dort bin, nehme ich den Roller. Zwanzig Minuten, und du bist überall. Mit Familie sitzt du im Taxi, und plötzlich ist ein Weg, der eine Viertelstunde dauern müsste, ein Nachmittag. Du sitzt hinten, es ist heiß, die Klimaanlage bläst dir direkt auf die Schulter, und vorne kommt die Ampel nicht näher.

Blick aus einem Taxi auf den Bangkoker Abendverkehr mit Rücklichtern und Leuchtreklamen im Regen
Vorne kommt die Ampel nicht näher.

Was mich ein bisschen traurig gemacht hat: Die beiden haben viel auf ihre Bildschirme geschaut. Das ist ihr Alter, ich weiß. Und trotzdem glaube ich, dass mehr hängen geblieben ist, als sie gerade selbst merken.

Der Trip hat meine Frau und mich zusammen ein paar Hundertschaften graue Haare gekostet. Wir haben es trotzdem durchgezogen. Und ich habe wieder ein Stück von meinem Herzen dort gelassen.

Fünf Uhr morgens, deutscher Zöllner

Dann landest du um fünf Uhr früh in München.

Überall auf der Welt kannst du inzwischen digital einreisen. In Deutschland auch, aber mit Kindern erst ab zwölf. Also stellst du dich in die Schlange. Und das Erste, was du nach vierzehn Tagen Thailand siehst, ist der Blick des deutschen Zöllners.

Ganz ehrlich, ihr Lieben: Du stehst da und denkst nur, Entschuldigung, ich glaube, das war ein Missverständnis, ich gehe einfach wieder zurück in den Flieger.

Menschenleere Ankunftshalle eines deutschen Flughafens im kalten Neonlicht, Absperrbänder ohne Warteschlange
Willkommen in Deutschland. Fünf Uhr morgens, und niemand da.

Meine Schwiegermutter hat uns abgeholt. Um fünf Uhr morgens. Das ist eine Hausnummer, und dafür sage ich hier nochmal Danke. Solche Kleinigkeiten bewegen manchmal Welten.

Und dann geht es los. Du stehst zwei Tage später im Supermarkt vor einem Salatkopf für zwei Euro. Derselbe Salatkopf, der mal neunundzwanzig Cent gekostet hat. Du kommst aus einem Land, wo du mit deiner Familie am Strand isst, Touristenpreis, also fünfzig Prozent zu viel, und zahlst achtzehn Euro. Für vier Personen.

Du fragst irgendwo nach etwas, und die Antwort kommt, bevor du ausgeredet hast: Nein, das geht nicht. Oder: Nein, das gibt es nicht.

Vierzehn Tage lang wird man von dieser freundlichen thailändischen Art regelrecht einbalsamiert. Und dann stehst du wieder hier, und es fühlt sich an, als hätte jemand das Licht ausgemacht.

Der Hund hat gewartet

Vierzehn Tage lang hatte ich nicht ein einziges Mal das Bedürfnis, eine Tablette zu nehmen.

Vierzehn Tage.

Am Tag nach der Ankunft erwische ich mich im eigenen Spiegelbild. Und da ist sie wieder, diese ekelhafte Schwere, die sich langsam von hinten anschleicht.

Ihr erinnert euch vielleicht: Vor ein paar Wochen habe ich euch erzählt, dass ich den schwarzen Hund an die Leine gelegt habe. In die Ecke, sitz, du bleibst hier. Ich habe ihn nicht mitgenommen nach Thailand.

Er hat gewartet. Brav. Und jetzt sitzt er wieder da und wedelt mit dem Schwanz, als hätte ich ihm ein Leckerli mitgebracht.

Ich sitze gerade in Herbie und mache mich auf den Weg nach Berlin. Ich gebe dort eine Drohnenschulung, ein Einzeltraining für eine Kundin, und ich freue mich wirklich über diesen kleinen Krümel Verdienst. Aber mein Herz sitzt noch in Thailand und hat offensichtlich nicht vor, nachzukommen.

Warm beleuchteter Camper-Innenraum bei Nacht, durch die offene Tür Wasser und Dunkelheit
Mein Herz sitzt noch in Thailand und hat nicht vor, nachzukommen.

Meiner Frau sage ich es immer wieder so: Ich sitze in einem Glaskasten. Ich sehe alles. Ich komme nur nicht raus.

Und trotzdem

So, und jetzt kommt der Teil, den ich euch nicht schuldig bleiben will.

Es war anstrengend. Es hat mich mehr gekostet, als es mir gegeben hat. Und ich würde es sofort wieder machen. Ohne eine Sekunde nachzudenken.

Weil mein Großer geweint hat, als es nach Hause ging. Weil er Bangkok sehen wollte und ich ihm Bangkok zeigen konnte. Weil der Kleine nachts neben mir Hubschrauber gespielt hat und ich dafür in zwanzig Jahren wahrscheinlich alles geben würde, um das noch einmal zu haben.

Meine beiden sind elf und dreizehn. Das ist die Kappungsgrenze. Zu groß, um sie einfach ins kalte Wasser zu werfen und irgendwo neu anzufangen. Und so verantwortungslos bin ich nicht, dass ich sage, mir geht es hier schlecht, also müsst ihr jetzt mitleiden. Nein. Ich ziehe das durch. Und ich hoffe sehr, dass meine Gesundheit so lange mitspielt.

Danach ziehe ich mich an den Ort zurück, an dem sie mitspielt.

Macht es. Macht es einfach. Ihr werdet euch nicht an die Koffer erinnern, sondern an das Gesicht eures Kindes beim Frühstück.

Das war für alle, deren Kinder noch klein genug sind und die manchmal denken, das schaffen wir nie.

Ich bin hier nicht zu Hause, auch wenn ich hier geboren bin. Aber ich bin noch da. Und das ist für heute genug.

Ich freue mich über jeden von euch, der bis hierher gelesen hat. Über jede Rückmeldung, und über all die, die mir in den letzten Wochen geschrieben haben. Auch über die, die sich nicht trauen. Ihr seid trotzdem da, und ich weiß das.

Aber lasst auch mal ein Like da. Seid mutig.

Willkommen an Bord, euer Dominik

Ein persönlicher Hinweis

Falls du dich in diesen Worten wiedererkennst und es dir gerade schlecht geht, bleib bitte nicht allein damit. Bei akuter Gefahr wähle den Notruf 112 oder geh in die nächste Notaufnahme. Die TelefonSeelsorge erreichst du in Deutschland Tag und Nacht, kostenlos und anonym, unter 0800 1110111, 0800 1110222 oder 116 123. Du musst gerade nicht wissen, wie es weitergeht. Es reicht, jetzt jemanden anzurufen.

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