Alltag · Kapitel 2.16 · 18. Oktober 2026

Was ich damals noch nicht wusste

Ich habe einen Bus abgeholt. Ein Spielzeug für den Urlaub. Es wurde etwas ganz anderes daraus.

Euer Dominik, willkommen an Bord.
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Am sechzehnten November gebe ich ihn ab.

Ich schreibe das hin und lese es noch mal und es stimmt trotzdem nicht ganz. Man gibt kein Auto ab. Man gibt einen Schlüssel ab, unterschreibt etwas, und dann fährt einen jemand zum Bahnhof.

Vier Jahre. Und ich habe bis heute keinen Satz gefunden, mit dem ich euch erkläre, warum mir das etwas ausmacht. Es ist ein Bus. Es ist Blech, Plastik und ein Motor. Ihr müsst mich für verrückt halten.

Fangt nicht an mit dem Argument, dass es nur ein Auto ist. Das weiß ich.

Ein Zug voller Leute, die ein Auto abholen

Einundzwanzigster Dezember, zweitausendzweiundzwanzig. Zwei Kinder, meine Frau und ich, im Zug nach Hannover. In meiner Tasche: Papiere und ein Kennzeichen.

Stellt euch das einmal vor. Man fährt mit dem Zug los, um ein Auto zu holen. Die Hinfahrt ohne, die Rückfahrt mit. Es gibt wenige Dinge, die ein Kind so begreift wie das.

Wir hatten lange gewartet. Corona, Lieferketten, alles, was ihr damals auch gehört habt. Irgendwann hatte ich aufgehört nachzufragen.

Und ich hatte etwas dazugebucht, was man nur machen kann, wenn man ein bisschen bekloppt ist: die Werksführung. Ich wollte sehen, wo er herkommt. Nicht das Auto im Showroom. Die Fabrik.

Der neue Bus am Tag der Abholung vor dem Werk in Hannover.
Hinfahrt ohne, Rückfahrt mit.

Von der Rolle bis zur Hochzeit

Die alte Backsteinfabrik in Hannover. Es gibt sie so nicht mehr, dort wird nicht mehr produziert. Ich bin froh, dass ich sie noch gesehen habe, und ich nehme euch jetzt kurz mit hinein.

Leute, ich sage euch eines: Ich habe fünfundzwanzig Jahre in Flugzeugen gearbeitet, ich dachte, ich weiß, wie große Maschinen aussehen. Aber das hier war etwas anderes.

Es fängt an mit Stahl. Mit riesigen Rollen Blech, die auf Lastwagen angeliefert werden. Einfach nur Metall, aufgewickelt wie Küchenfolie, nur dass eine Rolle so viel wiegt wie ein Auto. Daraus wird gepresst. Dann gebogen, dann geschweißt.

Und dann kommt der Moment, den sie dort tatsächlich so nennen: die Hochzeit. Motor und Karosserie kommen zusammen. Von unten und von oben, in einer einzigen Bewegung.

Ich stand da und habe nichts gesagt. Ein ganzer Haufen Besucher um mich herum, und irgendwann stand mir der Mund offen wie einem Zehnjährigen.

Danach lief ein Auto vom Band. Irgendwann lief meins vom Band.

Mehr Zeit brauche ich dafür gar nicht. Wenn ihr jemals die Gelegenheit habt, so etwas zu sehen, nehmt sie. Es verändert, wie ihr danach auf ein Auto schaut. Bei mir hat es jedenfalls genau das gemacht.

Die erste Fahrt war auch schon ein Abenteuer

Und dann saßen wir drin.

Jetzt erwartet ihr bitte keinen Werbefilm, in dem alles glänzt. Die erste Fahrt von Hannover nach Hause war ein einziger Stau. Es war Dezember, es war dunkel um halb fünf, und irgendwann war der Punkt erreicht, an dem die Frage, wann die nächste Raststätte kommt, dringlicher wurde als alles andere.

Sagen wir es so: Es wurde am Straßenrand gelöst. Jeder, der mit Kindern lange Strecken fährt, weiß genau, wovon ich rede.

Es war spät, als wir ankamen. Und das war, ohne dass es irgendjemand gemerkt hätte, der Anfang von etwas.

Der weiße Bus steht an einem winterlichen Rastplatz, dahinter kahle Bäume.
Irgendwo zwischen Hannover und zu Hause. Dezember, und noch kein Mensch ahnte etwas.

Was ich damals noch nicht wusste

Und jetzt kommt der Satz, Leute, den ich an diesem Abend nicht hätte schreiben können.

Was ich damals noch nicht wusste, ist, dass meine Mutter kurz darauf sterben würde.

Ich wusste nicht, dass die Fliegerei zu Ende geht. Fünfundzwanzig Jahre, erst Condor, dann Lufthansa, First Class. Ein Beruf, der dir jeden Tag vorgibt, wo du bist und was du tust, und der dir deshalb auch sagt, wer du bist. Das fiel weg. Nicht langsam. Weg.

Ich wusste nicht, dass ich ein Jahr später nicht mehr wissen würde, wofür ich morgens aufstehen soll. Kennt ihr das, wenn euch jemand den Boden wegzieht und ihr trotzdem stehen bleiben sollt?

Ich hatte an diesem einundzwanzigsten Dezember einen Bus abgeholt. Ein Spielzeug, wenn man ehrlich ist. Etwas für den Urlaub.

Und es wurde etwas ganz anderes daraus.

Ich hatte ein Spielzeug abgeholt. Es wurde ein Rettungsboot.

Wie aus einem Bulli ein Herbie wurde

Den Namen haben nicht wir Erwachsenen ausgesucht.

Meine Kinder hatten damals diesen alten Disney-Film gesehen. Den Käfer mit der Dreiundvierzig auf der Tür, der ein eigenes Gemüt hat, der schmollt, wenn man ihn schlecht behandelt, und losfährt, wenn es darauf ankommt.

Also hieß der Bus Herbie. Fertig. Darüber wurde nicht abgestimmt.

Und wisst ihr was? Sie hatten recht. Nicht weil ein Auto eine Seele hat. Ich bin nicht so weit weg von der Wirklichkeit, dass ich das glaube. Sondern weil du einem Ding, das du Herbie nennst, nicht mehr so einfach böse sein kannst.

Das wird in dem nächsten Kapitel noch wichtig.

Was ein Blechkasten kann

Nachdem meine Mutter gestorben war, ging es mir schlecht. Ich formuliere das für euch mit Absicht so flach, weil jedes größere Wort an dieser Stelle falsch klingt.

Was ich damals gebraucht habe, war kein Gespräch. Es war eine Richtung.

Und ein Bus ist nichts anderes als eine Richtung mit vier Rädern.

Côte d'Azur. Südfrankreich. Sardinien. Griechenland. Italien, ganz, von oben bis unten. Spanien, den größten Teil. Portugal, ein Stück weit.

Blick aus der offenen Schiebetür über Dünen auf das Meer, die Sonne steht tief.
Eine Richtung mit vier Rädern. Und morgens steht die Tür offen.

Ich sage euch ganz ehrlich: Es war zu wenig. Ich habe zu wenig gemacht. Ich hätte das exzessiver betreiben müssen, hemmungsloser, öfter. Das ist der eine Satz, den ich wirklich bereue, und ich schreibe ihn euch hierhin, damit ihr ihn nicht auch irgendwann schreiben müsst.

Fahrt los. Nicht nächstes Jahr.

Ihr müsst euch das so vorstellen. Die Morgen, an denen ich aufgewacht bin und nicht sofort wusste, in welchem Land ich stehe. Die Abende, an denen die Schiebetür offen war und draußen nichts passiert ist, überhaupt nichts, nur Licht, das weniger wurde.

Es waren Situationen, die mich neu erschaffen haben. Nicht abgelenkt. Neu erschaffen. Da ist ein Unterschied.

Ich halte es in Betonmauern nicht aus

Etwas hat mir dieser Bus über mich selbst beigebracht, und das hätte mir sonst niemand sagen können.

Ich halte es zwischen Betonmauern nicht aus.

Und bevor ihr jetzt die Augen verdreht: Das ist keine Pose und kein Lebensstil-Spruch, den man sich auf ein Kissen stickt. Es ist eine Tatsache über mich, mit der ich jetzt umgehen muss. Mir wäre ein Boot lieber. Oder wieder ein Camper. Irgendetwas, das nicht festbetoniert ist.

Und gleichzeitig: Im Moment ist das finanziell nicht drin. Nicht ansatzweise. Ich kann mir das nicht kaufen, und ich weiß ehrlich nicht, wie es weitergeht.

Beides ist wahr, und ich habe aufgehört, so zu tun, als müsste ich mich für eine der beiden Hälften entscheiden.

Gegenlicht im Bus, die Sonne steht flach in der offenen Schiebetür.
Nichts passiert. Nur Licht, das weniger wird.

Und trotzdem

Jetzt muss ich euch warnen, denn es kommt noch ein zweiter Teil.

Dieser Bus hat mich auch zur Weißglut gebracht. Vier Jahre, und wenn man alle Werkstattaufenthalte zusammenzählt, stand er davon rund drei Monate am Stück nicht bei mir. Vierundzwanzig Mal. Es gibt ein undichtes Dach, acht ausgetauschte Zelte und eine Nacht in Tarifa, an der Meerenge von Gibraltar, in der ich nicht mehr weiterwusste.

Das erzähle ich euch beim nächsten Mal, und ich erzähle es ungefiltert.

Aber ich wollte diesen Text hier zuerst schreiben. In dieser Reihenfolge. Weil es sonst klingt, als wäre das alles nur Ärger gewesen, und das ist schlicht gelogen.

Der Bus steht zu Hause unter einem weißen Zeltdach, die Front schaut vorn heraus.
Drei Monate am Stück stand er nicht bei mir. Und trotzdem.

Sechzehnter November

In ein paar Wochen fahre ich nach Frankfurt und lasse ihn dort stehen.

Ich versuche seit sechs Wochen herauszufinden, zu welchen Konditionen ich ihn rauskaufen könnte. Die Bank sagt, dafür ist sie nicht zuständig. Der eine Verkäufer sagt, dafür ist er nicht zuständig. Der andere auch nicht. Es ist niemand zuständig.

Vielleicht ist das, Leute, die ehrlichste Antwort, die ich bekommen konnte.

Blick aus dem Bett im Bus durch die Scheibe auf einen Sonnenaufgang.
Sonnenaufgänge, bei denen ich alleine war und es nicht schlimm fand.

Was bleibt, sind Sonnenaufgänge, bei denen ich alleine war und es nicht schlimm fand. Nächte, in denen die Schiebetür offen stand. Und eine Zeit, in der ich ziemlich sicher nicht gewusst hätte, wohin mit mir, wenn dieses Ding nicht in der Einfahrt gestanden hätte.

Dafür danke ich einem Auto. Ich höre mich selbst und weiß genau, wie das für euch klingen muss.

Es war trotzdem so.

Bis dahin. Liebe Grüße, euer Dominik

Willkommen an Bord.

Zwischen Himmel und Erde · Podcast

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