Ich sitze in Herbie und fahre zu keinem magischen Ort am Meer.
Kein Seelenort. Kein Sonnenuntergang, der das Wasser zum Kochen bringt. Ich fahre nach Esslingen, zu einer Kundin, Drohnenunterricht. Und während ich fahre, merke ich, wie sich etwas in mir sortiert — einfach weil ich wieder hier drin sitze. Die Hände am Lenkrad, das vertraute Brummen, der Geruch nach Bus. Mein Körper erinnert sich an jeden Kilometer, den wir zusammen gefahren sind, und irgendwo zwischen zwei Ampeln wird aus dem Arbeitsweg eine kleine Heimkehr. Das ist das Seltsame an Herbie: Er muss nirgendwo hinfahren, um mich irgendwo anders hinzubringen.
Herbie ist kein Auto. Herbie ist ein Zustand.
Vielleicht muss ich das erklären. Reisen ist oft eine Flucht — man fährt selten los, weil man am perfekten Ort ist. Man fährt, weil etwas nicht stimmt, oder weil man sucht: den richtigen Ort, den richtigen Moment, irgendetwas, das daheim fehlt. Viele Menschen fühlen sich unter ihren Dächern geborgen. Bei mir ist es andersherum. Sobald Stein um mich herum ist, fühle ich mich gefangen. Ein Grundgewicht legt sich auf die Brust, schwer erklärbar, aber immer da. In Herbie hebt es sich. Die Welt schrumpft auf eine Matratze, eine Gasflamme, ein Fenster — und wird dadurch nicht kleiner, sondern endlich atembar. Als hätte jemand die Wände weit genug weggeschoben, dass die Gedanken wieder Platz haben.
Andere nennen das Dach über dem Kopf Geborgenheit. Ich nenne meins Hummeln im Hintern.
Volkswagen, das Bild und die Wirklichkeit
Und weil dieses rollende Zuhause so viel für mich trägt, tut das hier besonders weh: Nach der Frankreich-Tour ist wieder einiges verschütt gegangen. Wieder Ärger mit Volkswagen — ein Dauerthema in meinem Leben. Ich sage es so deutlich, wie ich es meine: Ich werde mir nie wieder einen Volkswagen kaufen. Das Bulli-Image verkauft Romantik, eine alte Hippie-Zeit, die historisch mal funktioniert hat. Die Realität: Service unterirdisch, Qualität so, dass man ständig vorfahren muss. Drittes Jahr, im Dezember das vierte.
Es reicht. Man kann einem Menschen wie mir vieles kaputt machen — aber nicht das Einzige, worin er sich sicher fühlt.
Dabei ist der Traum doch so groß: zu Land und zu Wasser um die Welt. Alt werde ich dabei automatisch — es liegen noch so viele Kilometer, Menschen und Kulturen vor mir. Nur eben nicht mit einem Volkswagen. Ja, ich wäre lieber bei Mercedes. Und ich schreibe es bewusst hier rein: Welcher Hersteller hat den Mut zu sagen, mein Produkt ist so gut, dass Ocean Zero damit fährt und ehrlich berichtet? Wenn du da draußen Rückgrat hast und weißt, dass dein Produkt blind funktioniert — ich starte so schnell wie möglich. Die Sehnsucht ist längst abfahrbereit. Sie wartet nur auf ein Fahrzeug, das mithalten kann.
Umgedreht — und trotzdem los
Die Wahrheit über diese Tour beginnt mit einer Niederlage. Beim ersten Versuch bin ich bis in die Schweizer Alpen gekommen — und dann hat mich innerlich etwas umgedreht. Ihr kennt das von mir: Manchmal ist der Schweinehund stärker. Ich bin zurückgefahren und habe die Reise verschoben, und es hat sich angefühlt wie immer, wenn die Angst gewinnt. Leise. Beschämt. Nach Hause.
Aber ich habe über die Jahre etwas gelernt: Auch das Umdrehen gehört zu meiner Art zu reisen. Wer mit Angst unterwegs ist, fährt jede Strecke zweimal — einmal im Kopf, einmal auf der Straße. Und manchmal schafft man eben nur die erste.
Irgendwann aber kommt der Punkt, an dem das Fernweh lauter ist als die Angst. Bei mir brauchte es ein Ziel: Ein Obst- und Gemüsehändler vom Bodensee, den ich auf Mallorca getroffen hatte — aus Gesprächen wurde ein Treffen in Madrid. Das war der Auslöser. So funktioniert es bei mir: ein Ziel nehmen, die Angst an die Leine, losfahren.
Vorher wie immer: getunt, geschraubt, gebohrt, geflext. Den Bulli so gebaut, dass er ideal gewesen wäre. Elektroroller ausgeliehen, Alukiste auf den Träger. Und dann war da dieser Moment, in dem der Motor läuft und man weiß: Jetzt ist es echt. Jetzt fahre ich wirklich.
Die Schweiz: rein, durch, raus
Durch die Schweiz habe ich es immer eilig. Nicht wegen der Schweiz — wegen der Gesetzgebung, und weil ich sie mir als Deutscher schlicht nicht leisten kann. Ein Fish Mäc mit Pommes für zwanzig Euro. Also: rein, durch, raus. Die Berge sind wunderschön. Am schönsten im Rückspiegel.
Grenoble: Croissants statt Romantik
Erster Halt: Grenoble. Über Park4Night ein paar Plätze getestet, einer nahe der Berge war wunderschön — bis es zu schneien begann. Dominik und Schnee, das wird keine Liebesgeschichte mehr. Sommerreifen, Kälte, und in mir dieser eine Kompass, der immer in dieselbe Richtung zeigt: ans Meer, in die Wärme.
Also zurück zu meinem Standard-Stellplatz, den ich immer wieder feiere — und jetzt haltet euch fest: ein Parkplatz zwischen Supermarkt und Tankstelle. Null Romantik, ich weiß. Aber Vanlife hat mir beigebracht, dass Romantik nicht da wohnt, wo die Postkarten sie vermuten. Sie wohnt im Aufwachen, wenn durch den Türspalt der Geruch von frischen Croissants und Kaffee zieht. Neben mir parkte ein polnischer Vanfahrer ein und schlief einfach sofort ein — diese stille Selbstverständlichkeit unter Fremden, die dasselbe Leben teilen. Kein Wort gewechselt und trotzdem verstanden. Ich habe das Auto zugemacht und bin ins Bett. Am Morgen: Supermarkt, warmes Croissant, Kaffee in der Hand, die Berge im Rücken.
Die Franzosen können das. Ich liebe es bei ihnen.
Mittendrin und doch nicht dabei
Das Ziel hieß Madrid, eine Messe, Termine. Aber deswegen war ich nicht unterwegs. Ich wollte endlich sehen. Fünfundzwanzig Jahre Fliegerei heißt: Betonplatte nach Betonplatte. Du steigst in München ein und woanders wieder aus, und dazwischen liegt die ganze Welt — unberührt, unter dir, immer nur aus dem Fenster. Ein Vierteljahrhundert lang habe ich Sehnsuchtsorte überflogen wie andere Leute Bushaltestellen. Jetzt wollte ich sie endlich berühren.
Du bist unter Menschen, aber nicht Teil ihres Flows.
Und dann ist da dieses Gefühl, das mir am Vanlife das Liebste ist: Sie hetzen durch ihren Alltag, ihre Termine, ihren Stress — und du schwimmst mittendrin vorbei, in deiner eigenen Zeit. Ich bin kein Camper. Ich bin Vanlifer. Autark, stealth, mittendrin und trotzdem in meiner eigenen Welt.
Stell dir Berlin vor: Du parkst irgendwo in der Stadt, machst die Rollos zu — und die Welt bleibt draußen. Tür zu, Jalousien runter. Draußen laufen Schritte vorbei, Stimmen, eine Stadt. Und du liegst im Kokon und spürst: Mir kann hier nichts passieren. Für einen Kopf wie meinen, der die Welt oft zu laut findet, ist das keine Spielerei. Das ist der Unterschied zwischen ausgeliefert sein und aufgehoben sein — und er ist so dünn wie eine Blechwand.
Safe. Einzigartig.

Saint-Raphaël: der Traum ist größer als der Bus
Saint-Raphaël. Ich stand in der Marina, zwischen Masten, die leise im Wind klimperten — für mich klingt so Sehnsucht. Über die Boot in Düsseldorf hatte ich Termine, um Schiffe anzuschauen: Leopard-Katamarane, andere Katamarane, Monohulls. Ich durfte sie begehen, anfassen, durch die Salons gehen. Nur segeln nicht. Herzblut hoch, finanziell gerade nicht machbar — und trotzdem stand ich da und wusste: Das ist er. Der eigentliche Traum. Ich habe auf einem dieser Decks gestanden und für einen Moment das Leben gespürt, das ich noch nicht führe. Es fühlte sich nicht an wie Neid. Es fühlte sich an wie ein Termin, den das Leben mir noch schuldet.
Denn mein großer Traum war nie Vanlife. Während Corona habe ich ein Buch gelesen — ich glaube, es hieß „3000 Tage Samstag" — ein Paar segelt um die Welt. Das hat etwas in mir angezündet, das seitdem nicht mehr ausgeht. Ich bin der, der Wasser liebt. Es gibt nichts, das für mich so vollkommen ist wie ein Sonnenuntergang am Strand: wenn die Sonne ins Meer fällt und man für einen Moment denkt, das Wasser müsste kochen. Dieser Irrsinn aus Farben. Genau deshalb mag ich Rip Curl — die bringen diese Sonnenuntergangsfarben in ihre Sachen, und jedes Mal denke ich: Da gehöre ich hin.
Weltumsegelung: ja. Irgendwann. Wo ein Wille ist.
Bis dahin spielt mein Leben an Land — und mein Fehler auf dieser Tour: kaum Wassergeräte dabei. Für einen Meermenschen fatal. Herbie ist stealth und unauffällig, aber er kann eben nicht alles tragen, was die Seele braucht.
Saint-Tropez gehört im Winter mir
In der Marina blieb ich nicht über Nacht. Ich wollte nach Saint-Tropez — zu dem Strand hinter dem Hügel, den die ganze Welt kennt, wo im Sommer eine Yacht neben der anderen ankert und man das Wasser vor Geld kaum sieht. Jetzt: Clubs im Umbau, Bretter vor den Bars, niemand da.
Ich war allein. Der berühmteste Strand der Welt, und er gehörte mir.
Ich stellte den Van hin, und die Kälte eines Nordseewinds traf auf den Duft der Côte d'Azur — dieses Aufeinanderprallen, das kein Reisekatalog je verkaufen könnte, weil es sich nicht fotografieren lässt. Ein paar Plätze weiter stand jemand mit richtig Geld: Dreiachser MAN, hinten ein Smart auf der Hebebühne, sicher Millionen wert. Und weißt du was? Egal. Der Abend gehörte uns beiden gleich viel. Ich ging spazieren, die Brandung stark, dieser Duft in der Luft, danach habe ich am Camper gekocht, während es dunkel wurde. Nur das Blubbern auf der Gasflamme und dahinter das Meer, das seit Jahrtausenden denselben Rhythmus schlägt. Bei diesem Geräusch sortieren sich meine Gedanken von ganz allein — als würde jede Welle eine davon mitnehmen und glattgespült wieder zurücklegen.
Das ist Vanlife pur: Seelenfrieden. Allein sein, ohne einsam zu sein. Niemand empfindet dich als Störung — eher als Bereicherung. Und die Franzosen: Ich mochte sie lange nicht, das lag an meiner Erziehung, nicht an ihnen. Heute weiß ich es besser. Mega cool, freundlich, entgegenkommend. Ein tolles Volk, bei dem ich noch viele Abende stehen möchte.

Chinasuppe über Monaco
Monaco und Nizza habe ich links liegen lassen — zu viel Geld, zu viel Glanz, zu wenig von dem, was ich suche. Aber oberhalb von Monaco fand ich einen Platz, den kein Geld der Welt kaufen kann. Übernachten verboten, Nationalpark — ich blieb trotzdem für den Abend. Unter mir das glitzernde Fürstentum, dieses Milliarden-Mosaik aus Licht. Und ich? Saß davor und löffelte Chinasuppe, während Wildschweine am Bus vorbeitrotteten, als wäre ich längst Teil der Landschaft.
Unten die Milliarden. Oben ich, die Suppe und die Wildschweine.
Ich weiß bis heute nicht, wer von uns den besseren Abend hatte. Doch. Ich weiß es.
Flamingos in Sète
Weiter die Küste entlang, vorbei an einer Ortschaft bei Fréjus, deren Namen ich nicht aussprechen kann und in der Pelikane standen, als wäre das normal. Aber der Ort, der mir unter die Haut ging, war Sète — ein Ortsteil namens Plage de Tahiti. Wie eine alte Hippie-Kommune, nur für Menschen mit mehr Geld. Auf der einen Seite ein See, auf der anderen das Meer, dazwischen ein schmaler Streifen Welt.
Ich kam zum Sonnenuntergang an. Und dann standen da Flamingos. Rosa, seelenruhig, mitten im Abendlicht, als hätte jemand das Bilderbuch aufgeschlagen und vergessen, es wieder zuzuklappen. Ich stand einfach nur da und habe geschaut. Ein Kopf wie meiner ist selten still — aber in solchen Momenten hört er auf zu rechnen, zu sorgen, zu planen. Dann ist da nur noch: rosa Vögel, goldenes Licht, und ich mittendrin. Vielleicht ist es das, was ich auf allen Straßen wirklich suche. Nicht Orte. Momente, in denen es still wird in mir.
Die Prosa des Südens: Vor vielen Parkplätzen stehen Metallrahmen und Betonpoller, mit einem normalen Camper chancenlos. Mit einem Bulli wie meinem: Millimeterarbeit — und dann bist du drin, wo sonst keiner hinkommt. Leute, ich kann euch gar nicht sagen, wie geil das war. Ich ließ den Bus stehen, schnappte den Elektroroller und fuhr in die nächste Ortschaft — Hunger, und ja, ich wollte mir das Kochen sparen. Luxus-Vanlifer, ich weiß. Vorsaison, alles zu, egal: alte Boote im Hafen, eine wunderschöne kleine Stadt, ultra nette Franzosen.

Das ewige Piepen
Und genau an diesem perfekten Ort holte mich die Technik wieder ein. Windig war es, also dachte ich: lieber die Schiebetür zumachen. Ein Fehler. Leute — kauft euch keine elektrische Schiebetür. Der Wind trug Sand in die Kontakte, und die Tür ging nicht mehr auf. Früher, beim T5, gab es eine manuelle Entriegelung. Heute: keine Chance. Und das Auto glaubte, die Tür sei offen. Was macht ein Auto, das das glaubt, wenn man losfährt?
Genau. Es piepst.
Derselbe Fehler hatte mich schon einmal gezwungen, 1.500 Kilometer mit diesem Tuten und Pfeifen nach Hause zu fahren. Volkswagen — Das Auto. Mehr sage ich dazu nicht.
Aber dann — und das ist das Wunder an diesem Leben — saß ich eine Stunde später wieder da, irgendwas aus der Dose im Schoß, und vor mir fiel die Sonne ins Wasser, und die Flamingos wateten durchs letzte Licht. Und das Piepen, der Sand, die Tür: alles egal. Vielleicht ist das die eigentliche Lektion dieses Lebens auf Rädern: Es rechnet nicht auf. Ein kaputter Tag und ein perfekter Abend schließen sich nicht aus — sie teilen sich einfach denselben Sonnenuntergang. Man steht an so einem Ort und denkt:
Das Leben könnte nicht schöner sein.
Barcelona: schön — und ein Todesurteil
Weiter die Küste, Richtung Spanien — nicht nur Barcelona, sondern bis Tarragona, von dem meine Familie so geschwärmt hatte. Unterwegs, am „Aparcament Lagola Parking", hängte ich bei starkem Wind meine Decke zum Lüften raus. Die Daunendecke, wohlgemerkt. Ihr ahnt es: Sie flog ins Meer. Ich stand da, schaute ihr nach und musste lachen — das Meer nimmt sich eben, was es kriegen kann.
Gegenüber schlief ein Mädchen im Kofferraum ihres Autos, und ich fand das großartig. Diese Einfachheit, dieses Back-to-the-Roots der Jugend. Denn genau das hat Vanlife mich gelehrt: Man braucht so wenig, um so glücklich zu sein. Ein bisschen Gas zum Kochen, einen Schluck Wasser, ein Dach über dem Kopf.
Mehr braucht es nicht. Wirklich nicht. Manchmal frage ich mich, wie viel Leben wir an all das verlieren, was wir zusätzlich für nötig halten.
Dann Barcelona. Mit dem eigenen fahrenden Zuhause dort anzukommen, wo ich beruflich hunderte Male gelandet bin — der absolute Knaller. Dieselbe Stadt, aber zum ersten Mal meine. Aber, Spoileralarm: Ein Van und Barcelona, das ist ein Todesurteil. Er wird aufgebrochen. Meiner auch — Gott sei Dank nicht auf dem Hinweg. Die Strände brechend voll wie das Oktoberfest, an der Rambla ein genialer Wok-Laden neben dem großen Markt, alles frisch, mega Essen. Der Jamón Ibérico fiel für mich aus, seit ich kein Fleisch mehr essen kann — sonst hätte ich davon gegessen, bis er mir zu den Ohren rausgekommen wäre.
Und trotzdem schob mich etwas aus der Stadt. Zu viel Flow, zu wenig Kokon. Noch am selben Nachmittag fuhr ich weiter.
Tarragona in Zeitlupe
Tarragona war Spanien in Zeitlupe. Nebensaison, kaum ein Mensch, aber die Sonne schon warm auf der Haut — diese ersten warmen Tage, in denen der Körper begreift, dass er es bis in den Süden geschafft hat. Eine lange Flaniermeile, ein Park, dahinter die leeren Strandbuden. Und weil ich so lange gefahren war, dachte ich: Was essen wir nach dem Wok? Sushi. Ja, Leute — ich war in Tarragona Sushi essen. Haltet mich für verrückt. Bin ich.
Es hat einfach Spaß gemacht.
Für die Nacht fand ich eine Sackgasse an einem Radweg, anderthalb Meter bis zum Meer. Die erste Nacht, die warm genug schien fürs Aufstelldach — ich habe es aufgestellt, die Brise vom Meer gespürt und es gleich wieder zugemacht. Also unten geschlafen, wie immer, mit dem Rauschen direkt hinter der Blechwand. Anderthalb Meter zwischen mir und dem Meer, und dazwischen nur Blech und Atem. Es gibt keine bessere Einschlafmusik. Und keinen Ort, an dem ich tiefer schlafe.
Der lange Weg ins Landesinnere
Dann wurde der Zeitplan eng. Madrid wartete, die Messe, die Verpflichtung. Ihr wisst: Ich bin ein Meermensch. Jeder Kilometer weg von der Küste ist ein Kilometer, den etwas in mir nicht mitfahren will. Als würde man mich an einer zu kurzen Leine von meinem Element wegführen.
Aber diese Fahrt hat mir Spanien geschenkt. Wer die USA kennt, versteht es vielleicht: Dort fährst du hunderte Meilen für eine neue Landschaft. In Spanien passiert das in Minuten. Hinter Tarragona erst grüne Haine voller Olivenbäume, dann goldbraune, ausgetrocknete Weiten — als würde man von Texas nach Kalifornien fahren, nur zwischen zwei Ausfahrten. Ein wahnsinnig schönes, facettenreiches Land, das sich alle paar Kilometer neu erfindet.
Madrid selbst: Bekannte, die Messe, die Hoffnung, beruflich etwas zu bewegen. Am Ende wurde aus dem Kontakt nichts als heiße Luft. Das tat weh, ehrlich gesagt — man fährt anderthalbtausend Kilometer mit einer Hoffnung im Gepäck und packt sie unausgepackt wieder ein. Trotzdem war Madrid schön: zwei, drei Tage die Stadt, gute Restaurants, ein paar Klamotten. Und geschlafen habe ich im Bus. Mitten in der Millionenstadt, in meinem Kokon. Darauf wollte ich nicht verzichten. Vielleicht versteht ihr jetzt, warum: Es war das einzige Stück Zuhause in einer Stadt voller Erwartungen.
Die Messe war für meine Panikstörung nicht sonderlich produktiv — Menschenmassen, Lärm, Erwartungen. Gott sei Dank hatte ich meine Medikamente dabei. Danach brauchte ich erst mal eine Auszeit. Ich war richtig durch.
Die Autobahn, die im Nichts endet
Und dann kam der Teil der Reise, der mich geheilt hat.
Nach der Verabschiedung war ich wieder allein in meinem geliebten Herbie. Sobald man aus Madrid raus ist, ist man wirklich raus — als würde man von Los Angeles nach Las Vegas fahren. Jemand drückt die Stopptaste, und auf einmal ist da nur noch Land, Ruhe, Weite. Die Hektik der Stadt löst sich auf wie Staub im Rückspiegel.
Mit dem Van hat man es nie eilig. Ich fuhr auf einem Highway, der einfach nur geradeaus ging, Tempomat 120, weit und breit kein Auto. Nur ich, der Motor, der Horizont. Kilometer um Kilometer fiel etwas von mir ab — die Messe, die heiße Luft, die Anspannung der Tage. Ich habe irgendwann das Radio ausgemacht, weil die Stille besser klang. Manche Menschen brauchen eine Couch dafür. Ich brauche eine leere Straße und einen weiten Himmel — und je leerer die Landschaft wurde, desto voller wurde ich wieder mit mir selbst.
Das nächste Ziel: Portugal. Auf Sardinien hatte ich mal Dennis und Sabrina kennengelernt, die gemütlich und lange unterwegs waren — so, wie man es eigentlich richtig macht. Ich dagegen hatte mich von einem Schaumschläger zu einer viel zu schnellen Reise überreden lassen. Auch das eine Lektion: Das Tempo der anderen ist nie deins. Weder auf der Straße noch im Leben.
Und dann kam der Moment, bei dem jeder lacht, der ihn erlebt hat: Stundenlang Autobahn — und mitten im Nirgendwo hört sie einfach auf. In einem Kreisverkehr. Ohne Warnung, ohne große Schilder. Autobahnende, Kreisverkehr, fertig. Vom Kreisverkehr links ab, ins Nichts, zwischen Berge, Wälder und Wiesen. Irgendwann ein See. Ich hielt an, stieg aus, und es war wie auf dem Planet der Affen: kein Mensch mehr da.
Nur noch ich. Und zum ersten Mal seit Tagen war das kein einsames Gefühl, sondern ein freies.

Willkommen in Portugal
Ich fuhr weiter, durch Berge und Täler, über Straßen voller S-Kurven. Irgendwo mittendrin ein Bach, und über diesen Bach führte eine Kurve. Diese Kurve war meine Verabschiedung von Spanien — und ich hätte es nie bemerkt, wenn mein Auto nicht leise gesagt hätte: „Willkommen in Portugal."
Über diese Brücke verlief die Grenze. Da war nichts. Kein Schild, kein Posten, kein Mensch. Nur ein Bach, ein kleines Schlösschen im Abendlicht, malerisch schön — und ringsum diese vollkommene Stille.
Und dann war ich in Portugal.
Ich bin in der Kurve stehen geblieben und musste innehalten. Einfach so, mitten auf der Straße, weil es niemanden gab, den es gestört hätte. Ich konnte es nicht glauben: Da überquert man die Grenze in ein neues Land, und die Welt macht kein Geräusch dabei. Keine Kontrolle, kein Stempel, kein Willkommen — nur ein Bach, der weiterfließt, als wäre nichts gewesen. Ich stand da und dachte: Wenn Grenzen so leise sein können, macht das Hoffnung. Auch für die eigenen. Vielleicht überquert man die wichtigsten Grenzen im Leben genau so — nicht mit einem großen Knall, sondern in einer stillen Kurve, und man merkt es erst, wenn man schon drüben ist.
Ich werde versuchen, Bilder von diesem Ort für euch zu finden, denn so einen Platz findet man kein zweites Mal.
Manchmal ist Zuhause kein Ort.

Es hat einfach Spaß gemacht. Ich habe mich so wohlgefühlt. Ihr wisst, dass es mir in dieser Zeit nicht immer gut ging — aber dort, in dieser Kurve, zwischen zwei Ländern und ganz bei mir, habe ich mich sicher und geborgen gefühlt. Manchmal ist Zuhause kein Ort. Manchmal ist es ein alter Bus an einer Grenze, die keine ist.
Es war eine schöne Zeit. Hier hört meine Geschichte für heute auf — Portugal erzähle ich euch im nächsten Kapitel.
Danke fürs Mitlesen. Danke fürs Zuhören. Danke, dass ihr mich begleitet.
Euer Dominik