Die Reise geht weiter. Ihr erinnert euch: eine kleine Steinbrücke über einen Bach, ein Schlösschen im Abendlicht, kein Schild, kein Posten. Ich hatte die Grenze überquert, ohne es zu merken. Und auf einmal war ich in Portugal.
Und wisst ihr, was ich als Erstes gemacht habe, in diesem neuen Land, das vor mir lag wie ein Versprechen? Nichts. Ich bin geblieben.
Es war so einzigartig schön in diesem Tal, mit seinem Bach und diesem satten Grün, dass jeder weitere Kilometer wie eine Beleidigung gewesen wäre. Also habe ich Herbie genau dort stehen lassen, zwischen Wald und Wasser. Türen zu, Bett gebaut, ein Fenster einen Spalt offen, damit der Bach mit ins Bett durfte. Das ist dieses stille Vanlife-Glück, das man niemandem erklären kann: Dein ganzes Zuhause steht auf einer Wiese in einem fremden Land, und trotzdem fühlt es sich an wie der sicherste Ort der Welt. Ich wurde mit einer der ruhigsten Nächte meines Lebens belohnt. So ruhig, dass mich mitten in der Nacht ausgerechnet die Tiere geweckt haben.
Wildschweine liefen direkt an meinem Bus vorbei. Keine Aggression, kein Schnauben, einfach nur eine Familie auf dem Heimweg, total lieb. Ein Fuchs suchte verzweifelt nach Essensresten bei meinem Auto und ich hätte ihm fast welche rausgestellt. Sogar Rehe waren da, und ihre Geräusche waren so laut, dass ich davon wach wurde. Ich lag in meinem Bus, dreißig Zentimeter Blech zwischen mir und der Wildnis, und fühlte mich kein bisschen wie ein Eindringling. Eher wie ein Gast, den der Wald für eine Nacht aufgenommen hat. Er hielt seine eigene Nachtschicht ab, und ich durfte einfach dabei sein und zuhören.
Über allem eine Halbmondnacht mit leichten Schleierwolken und einem rötlichen Mond. Und ich schwöre euch: Es war einer dieser seltenen Momente, in denen einfach alles stimmt. Meine Ängste, meine Sorgen, meine Probleme, all das war nicht greifbar. Komplett weg. Als hätte der Wald sie über Nacht mit aufgeräumt.

Herbie hat mich zurück ins Leben geführt.
Der langsamste Retter der Welt
Genau deshalb sage ich das so oft: Herbie hat mich gerettet. Oder zumindest in eine andere Richtung gebracht. Er hat mich entschleunigt. Er hat mir Zeit gegeben, mich zu akklimatisieren, mich an Orten wiederzufinden, mich einzufangen. Er hat mir beigebracht, was Ankommen überhaupt bedeutet.
Denn das kannte ich nicht. Fünfundzwanzig Jahre Fliegerei heißt: heute New York, morgen zu Hause, übermorgen Hongkong. Einmal um die halbe Welt in anderthalb Tagen. Mein Körper war überall, nur meine Seele kam nie hinterher. Mit Herbie ist das definitiv nicht möglich. Er schafft seine 120, wenn er gut gelaunt ist. Und genau diese Langsamkeit hat es geschafft, dass ich zum ersten Mal seit Jahren wirklich irgendwo angekommen bin.
Endlich wieder Meer
Ihr wisst, was für mich elementar ist: das Meer. Natürlich zog es mich auch diesmal dorthin, so schnell wie möglich. Aber erst kam das schönste Ritual, das dieses Leben zu bieten hat: Schiebetür auf, Füße raus, Kaffee in der Hand, und die erste Vorstellung des Tages läuft direkt vor der Tür. Vogelgezwitscher als Musik, strahlender Sonnenschein als Bühnenlicht, und ich mittendrin in meinem Sechs-Quadratmeter-Königreich. In solchen Momenten frage ich mich ernsthaft, was Menschen in Häusern eigentlich vermissen, ohne es zu wissen. Dann los Richtung Küste. Mein erstes Ziel: die Region um Nazaré.
Und dann kam ich an, und es war wie aus dem Bilderbuch. Das Erste, was ich sah, war die Praia de Vale Furado. Daneben Vitória, daneben die Praia da Pedra do Ouro. „Do Ouro" soll „golden" heißen. Ich kann es bestätigen. Diese Strände waren alles andere als gewöhnlich. Diese Weitläufigkeit, diese Küste, die mich sofort an Kalifornien erinnerte, und dieses eine Gefühl, das ich nirgendwo sonst finde.

Das Gefühl, atmen zu können. Das habe ich nur am Meer.
Nicht auf einer Bergspitze. Nicht in einer Stadt. Nirgendwo sonst auf dieser Welt. Nur dort, wo das Wasser bis zum Horizont reicht, macht meine Brust auf einmal auf. Und wenn ich lange genug dastehe, passiert dieses kleine Wunder: Mein Atem legt sich auf den Rhythmus der Wellen, einatmen mit dem Anrollen, ausatmen mit dem Zurückziehen. Als würde das Meer mir zeigen, wie es eigentlich geht.
Ein Land wie eine Zeitreise
Auf dem Weg dorthin habe ich mir Zeit gelassen, absichtlich. Ich wollte nicht die Autobahn, ich wollte das Landesinnere, die Dörfer, die Menschen. Die Landschaft wechselte von trockenen Ebenen zu sattem Grün, als würde jemand alle paar Kilometer die Kulisse tauschen.
Und dann diese Dörfer. Es war, als hätte ich eine Zeitreise gemacht. Als wären wir nicht im Jetzt, sondern in den 80er oder 90er Jahren in Deutschland. Die Menschen dort waren von der Sonne gezeichnet, aber nicht auf eine harte Art, sondern auf eine schöne. Man hat ihnen angesehen, wie glücklich sie das Leben macht.
Und das hat mich beschäftigt, ehrlich. Man weiß ja, dass die Einkünfte in Portugal nicht hoch sind, dass die Armut größer ist. Aber in diesen Gesichtern stand etwas, das ich in deutschen Fußgängerzonen lange nicht mehr gesehen habe: Zufriedenheit. Vielleicht ist Reichtum am Ende nur die Frage, womit man seine Tage füllt.
In einem kleinen Dorf hielt ich an einem Café am Straßenrand. Nichts Besonderes, alte Herren, junge Leute, Gespräche. Und natürlich musste ich es probieren: Pastéis de Nata. Außen Blätterteig, innen Vanillecreme, oben leicht karamellisiert. Leute, so lecker. Ich spreche kein Portugiesisch, die meisten dort kaum Englisch, und trotzdem haben wir uns verstanden, mit Händen und Füßen und einem Lächeln. Diese Warmherzigkeit, dieses Willkommensgefühl habe ich in Europa lange nicht mehr erlebt.

Nazaré: dort, wo der Atlantik seine ganze Kraft zeigt
Nazaré kannte ich natürlich schon lange, bevor ich mit Herbie dort ankam. Zumindest dachte ich das. Ich kannte diese Bilder von einem winzigen Surfer auf einer unfassbar großen Wasserwand. Dieses eine rote Leuchttürmchen auf dem Felsen. Menschen, die oben an der Klippe stehen und aussehen, als würden sie auf das Ende der Welt schauen.
Aber Nazaré ist viel mehr als diese eine riesige Welle.
Es ist eine alte Fischerstadt an der portugiesischen Silberküste. Unten liegt die breite Praia da Nazaré mit ihrer langen Promenade, den kleinen Straßen, Restaurants und weißen Häusern mit roten Ziegeldächern. Darüber thront der Stadtteil Sítio auf dem Felsen. Und zwischen beiden fährt seit dem Jahr 1889 eine kleine Standseilbahn hin und her. Allein diese Fahrt nach oben fühlt sich ein bisschen so an, als würde man die heutige Zeit für ein paar Minuten verlassen.
Nazaré war über Jahrhunderte vom Fischfang geprägt. Und auch wenn heute Reisende aus der ganzen Welt durch die Straßen laufen, ist diese Vergangenheit noch überall zu spüren. In den Booten, in den Netzen, im Geruch nach Salz und gegrilltem Fisch und in den älteren Frauen, die teilweise noch immer die traditionelle Kleidung von Nazaré tragen. Besonders bekannt sind ihre sieben übereinandergetragenen Röcke. Woher genau diese Tradition kommt, darüber gibt es mehrere Geschichten. Aber sie gehört zu Nazaré wie der Wind und das Meer. Noch heute wird Fisch auf Holzgestellen am Strand getrocknet, fast so, als hätte sich die Stadt entschieden, wenigstens einen Teil ihrer Vergangenheit einfach zu behalten.
Und genau das mochte ich an Nazaré.
Die Stadt versucht nicht, ihre Geschichte hinter modernen Fassaden zu verstecken. Das Neue und das Alte stehen einfach nebeneinander. Surfer mit Neoprenanzügen treffen auf Fischerfamilien. Kamerateams auf ältere Männer vor kleinen Cafés. Menschen aus aller Welt kommen wegen der Wellen, während andere hier schon ihr ganzes Leben lang jeden Morgen auf denselben Atlantik schauen.
Die Menschen wirkten auf mich offen, direkt und herzlich. Nicht auf diese einstudierte touristische Art. Eher so, als gehöre Gastfreundschaft hier einfach zum Alltag. Vielleicht liegt es daran, dass die Menschen in Nazaré seit Generationen mit einem Meer leben, das ihnen alles gegeben, aber auch sehr viel genommen hat. Wer täglich mit dem Atlantik lebt, lernt vermutlich ziemlich schnell, was wirklich wichtig ist.
Oben auf dem Felsen
Wer Nazaré wirklich verstehen möchte, muss nach Sítio hinauf.
Vom Miradouro do Suberco schaut man weit über die Dächer, den Strand und den Atlantik. Die Felskante erhebt sich mehr als hundert Meter über dem Meer, auch wenn sie von unten noch deutlich gewaltiger wirkt. Dort oben befindet sich die kleine Ermida da Memória, die Kapelle der Erinnerung. Sie erinnert an die Legende des Ritters Dom Fuas Roupinho.
Der Überlieferung nach verfolgte er im Jahr 1182 bei dichtem Nebel einen Hirsch. Erst im letzten Moment bemerkte er, dass sein Pferd direkt auf die Klippe zulief. Er rief die Jungfrau von Nazaré um Hilfe an, und das Pferd stoppte unmittelbar vor dem Abgrund. An dieser Stelle soll später die kleine Kapelle errichtet worden sein. Ob man an Wunder glaubt oder nicht: Wenn man dort oben steht und unter sich den Atlantik gegen die Felsen schlagen sieht, versteht man, warum ausgerechnet an diesem Ort solche Geschichten entstehen.
Nur wenige Schritte entfernt liegt das Santuário de Nossa Senhora da Nazaré. Die Kirche und der Platz davor gehören zu den wichtigsten historischen Orten der Stadt. Sítio war über Jahrhunderte ein Ziel für Pilger, lange bevor die ersten Surfer wegen der großen Wellen kamen.
Für mich war besonders dieser Gegensatz spannend: Auf der einen Seite die stille Kapelle, die alten Häuser und die Geschichte. Auf der anderen Seite dieser gewaltige Ozean, der keine Rücksicht auf Geschichten, Menschen oder Zeit nimmt.
Der rote Leuchtturm am Ende der Welt
Vom Sítio führt ein Weg weiter hinaus zum Forte de São Miguel Arcanjo. Das ist dieser bekannte kleine Leuchtturm, den man auf fast allen Bildern der riesigen Wellen von Nazaré sieht.
Wobei der Leuchtturm eigentlich nur ein Teil einer alten Festung ist.
Das Fort wurde 1577 unter König Sebastian errichtet, um die Küste und die Bevölkerung gegen Piraten und Angriffe vom Meer aus zu schützen. Im Jahr 1644 wurde die Anlage verstärkt. Der kleine rote Leuchtturm kam erst 1903 hinzu und ist bis heute in Betrieb. Früher sollte das Fort die Menschen vor Angreifern schützen. Heute stehen die Menschen dort oben und sehen dabei zu, wie der Atlantik selbst zum Angreifer wird.
Im Inneren befinden sich heute Ausstellungen über die Geschichte des Forts, die Surfer und den berühmten Unterwasser-Canyon von Nazaré. An der sogenannten Surfer Wall hängen Boards von Menschen, die sich tatsächlich in diese Wasserberge ziehen ließen. Manche davon beschädigt, gebrochen oder mit Spuren, die mehr erzählen als jede Hochglanzaufnahme.

Direkt unterhalb des Forts beginnt die Praia do Norte. Sie ist deutlich wilder als der Stadtstrand auf der anderen Seite des Felsens. Keine geschützte Badebucht, keine freundlichen kleinen Wellen. Der Strand liegt offen vor dem Atlantik, mit Dünen, Wind und einer Brandung, die selbst an normalen Tagen Respekt verlangt. Schwimmen kann dort gefährlich sein.
Und irgendwo dort draußen beginnt das eigentliche Geheimnis von Nazaré.
Warum die Wellen hier so groß werden
Vor der Küste verläuft der Nazaré-Canyon, eine gewaltige Unterwasserschlucht, die bis dicht an das Land heranreicht. Sie wirkt wie eine Art unsichtbarer Verstärker. Die Energie der langen Atlantikwellen wird durch die Tiefe, die Form des Meeresbodens und das Zusammentreffen unterschiedlicher Wellenrichtungen gebündelt.
Der Canyon allein zaubert natürlich keine Riesenwellen aus dem Nichts. Es braucht kräftige Stürme über dem Nordatlantik, den passenden Swell, Wind, Strömung und Gezeiten. Treffen diese Bedingungen zusammen, können sich die Wellen vor der Praia do Norte innerhalb kurzer Entfernung noch einmal erheblich aufbauen. Messungen und Modelle zeigen, dass die Wellenhöhe gegenüber dem offenen Meer teilweise verdoppelt werden kann.
Und dann entstehen diese Bilder, bei denen der Leuchtturm plötzlich winzig aussieht.
Im November 2011 surfte der Hawaiianer Garrett McNamara hier eine Welle von rund 24 Metern und machte Nazaré damit auf einen Schlag weltweit bekannt. Seitdem ist die Stadt zu einem der wichtigsten Orte des Big-Wave-Surfens geworden.
Der deutsche Surfer Sebastian Steudtner stellte am 29. Oktober 2020 an der Praia do Norte den bis heute offiziell anerkannten Männerweltrekord auf: 26,21 Meter. Das ist ungefähr so hoch wie ein achtstöckiges Haus. Die Brasilianerin Maya Gabeira hält mit 22,4 Metern den entsprechenden Frauenweltrekord. Beide Rekordwellen wurden hier in Nazaré gesurft.
Ich finde schon eine normale Atlantikwelle beeindruckend. Aber sich vorzustellen, auf einer mehr als zwanzig Meter hohen Wasserwand zu stehen, entzieht sich ehrlich gesagt meinem Verständnis. Das hat mit dem gemütlichen Surfen, das wir aus Urlaubsvideos kennen, kaum noch etwas zu tun.
Die Surfer werden bei solchen Bedingungen meist mit Jetskis in die Wellen gezogen. Gleichzeitig warten weitere Fahrer als Rettungsteam im Wasser. Denn wer dort stürzt, fällt nicht einfach von einem Brett. Er wird von Tausenden Tonnen Wasser verschluckt. Und meistens folgt hinter der ersten Welle direkt die nächste.
Das ist Sport, Vertrauen, Wahnsinn und absolute Präzision zugleich.
Wann kommen die großen Wellen?
Die Big-Wave-Saison in Nazaré beginnt normalerweise im Oktober und dauert bis März. Manchmal gibt es bereits im September oder noch im April außergewöhnlich starke Tage. Die zuverlässigsten Chancen bestehen meist zwischen November und Februar. Aber Nazaré funktioniert nicht nach Kalender. Man kann keinen Urlaub buchen und garantieren, dass am Dienstag um elf Uhr eine 25-Meter-Welle kommt.
Die wirklich großen Bedingungen lassen sich oft erst wenige Tage vorher zuverlässig erkennen.
Auch der Nazaré Big Wave Challenge der World Surf League hat deshalb keinen klassischen festen Veranstaltungstag. Es gibt stattdessen ein mehrmonatiges Wartefenster. Sobald die Vorhersage passt, werden Surfer, Teams, Veranstalter und Medien alarmiert. Häufig fällt die endgültige Entscheidung erst etwa 72 Stunden vorher. Dann verwandelt sich der sonst ruhige Felsen innerhalb kürzester Zeit in eine internationale Arena.
Tausende Menschen stehen am Fort, auf den Wegen und an den Klippen. Kamerateams übertragen die Bilder in die ganze Welt. Jetskis rasen über die Wasserberge, Hubschrauber und Drohnen kreisen über dem Meer, und unten versuchen einige der besten Big-Wave-Surfer der Welt, genau den richtigen Moment zu erwischen.
Und trotzdem bleibt der Atlantik der eigentliche Veranstalter.
Er entscheidet, ob das Event stattfindet. Er entscheidet, wie groß die Wellen werden. Und er entscheidet am Ende auch, ob ein Surfer wieder sicher zurückkommt.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum Nazaré so viele Menschen berührt. Weil wir dort für einen Moment sehen, wie klein wir eigentlich sind.
Zwei Orte, die man nicht auslassen sollte
Mein erster Ort wäre immer der Weg vom Sítio hinaus zum Forte de São Miguel Arcanjo. Nicht nur wegen des Leuchtturms. Der gesamte Weg ist besonders. Links die offene Praia do Norte, rechts die Stadt und dazwischen dieser Felsen, der wie der Bug eines riesigen Schiffes in den Atlantik ragt.
Der zweite Ort ist für mich der Miradouro do Suberco. Am besten nicht nur schnell ein Foto machen und wieder gehen. Einfach eine Weile dort bleiben. Auf die Dächer schauen, auf den Strand, auf die Menschen, die unten winzig klein werden. Und dann versuchen zu verstehen, dass direkt hinter diesem friedlichen Bild einige der größten jemals gesurften Wellen entstanden sind.
Wer noch etwas mehr Zeit hat, sollte auch einfach durch die kleinen Straßen von Sítio laufen, die Standseilbahn hinunternehmen und später am Stadtstrand entlanggehen. Nazaré muss man nicht komplett durchplanen. Die Stadt funktioniert am besten, wenn man sich ein wenig treiben lässt.
Vielleicht hat mir Nazaré genau deshalb so gut gefallen. Weil diese Stadt zwei Seiten hat.
Sie kann laut sein, voll, wild und weltberühmt. Und sie kann am nächsten Morgen wieder wie ein ruhiges portugiesisches Fischerdorf wirken, in dem ein paar Männer vor einem Café sitzen und Frauen den Fisch zum Trocknen auslegen.
Oben die Rekorde. Unten der Alltag.
Dazwischen ein Felsen, ein roter Leuchtturm und ein Ozean, der jeden Tag neu entscheidet, welche Seite von sich er zeigen möchte.
Und ich stand da mit Herbie, sah hinaus auf dieses Meer und dachte wieder einmal: Genau deshalb bin ich losgefahren.
Die Bucht zwischen den Dünen
Am Strand angekommen, fuhr ich nicht weiter in den Süden. Ich fuhr erst noch ein Stück nach Norden, einfach einen Strand weiter, dem Gefühl hinterher. Und dort fand ich sie: eine kleine Bucht an einem riesigen, weitläufigen Strand, mit einer Einfahrt, in die ich mit Herbie gerade so hineinkam. Millimeterarbeit, mal wieder. Und mal wieder war ich dankbar für seine Größe und seine Stollenreifen.
An dieser Stelle ein ehrliches Wort an alle, die mit Vanlife liebäugeln: Der größte Fehler ist, keinen Allradantrieb zu haben. Ja, das kostet auf der Autobahn mehr Sprit. Aber gerade in Portugal habe ich es mir ohne Allrad oft sehr, sehr schwergetan. Mehr verrate ich noch nicht. Nur so viel: Da kommt noch die eine oder andere Geschichte, die mich in die absolute Verzweiflung und zu Tränen gebracht hat. Ihr werdet sie hören.
Aber an diesem Tag: keine Verzweiflung. Ich parkte zwischen zwei Sanddünen, mit perfektem Blick in die Weite des Meeres, und atmete. Der Sand war noch warm vom Tag, die Dünengräser bewegten sich im Wind, und Herbie stand da, als wäre diese Bucht extra für ihn ausgespart worden. Das ist für mich Naturverbundenheit im Vanlife: Man besucht die Landschaft nicht, man fügt sich für eine Nacht in sie ein. Wenn Leute vorbeikamen, wurde ich nicht schief angeschaut, wie es Campern so oft passiert. Im Gegenteil. Sie sprachen mich an, zeigten mit Händen und Füßen, wie schön es hier ist. Als wollten sie sagen: Wir verstehen, was du hier machst.

Die 5-Prozent-Regel
Ich richtete mich ein, stellte mich nach draußen und begann am späten Nachmittag zu kochen. Und dann passierte es: der erste perfekte Sonnenuntergang dieser Reise. Der liebe Gott hätte es nicht schöner malen können.
Und jetzt muss ich euch etwas gestehen, das in keinem Vanlife-Prospekt steht. Dieses Leben besteht nicht aus perfekten Momenten. Ich behaupte mal ganz streng: 90 Prozent sind Organisation und Planung. Wasser, Strom, Stellplatz, Wäsche, die ewige Frage, wo man morgen steht. Und dann, irgendwann, wenn man es am wenigsten plant, kommen diese 5 Prozent.
90 Prozent Organisation. 5 Prozent Magie. Und für diese 5 Prozent mache ich das alles.
Genau so ein Moment war das: Ich sitze zwischen zwei Dünen, die Küche zwei Schritte vom Bett, mache mir Gemüse-Ravioli aus der Dose warm, und vor mir geht die Sonne in den Atlantik. Ravioli aus der Dose, Leute. Der beste Fernseher der Welt läuft ohne Strom, und mein Esszimmer hat heute Meerblick. Es war das beste Abendessen seit Monaten. Das ist für mich die 5-Prozent-Regel des Vanlife: Die Magie fragt nicht, was auf dem Teller ist.
Ein Ozean aus Licht
Und der Abend war noch nicht fertig mit mir. Der Sternenhimmel war glasklar, und der Mond so hell, dass man salopp gesagt eine Sonnenbrille hätte aufsetzen können. Er spiegelte sich in der Brandung, die am Atlantik rauer ist, härter, mit einer ganz eigenen Energie. Und dieses Licht hat mich um kurz nach Mitternacht tatsächlich noch einmal aus dem Bus geholt.
Zwei Stunden bin ich am Strand spazieren gegangen. Kein Mensch mehr da. Niemand.
Nur ich und das Meer.
Der Mond am Himmel, die Brandung als Musik, und diese einzigartige Ruhe dazwischen. Irgendwann habe ich aufgehört, mich als Besucher zu fühlen. Der Strand, das Licht, das Rauschen und meine Schritte gehörten für zwei Stunden einfach zusammen, als hätte die Natur mich für diese Nacht in ihre Schicht eingeteilt. Und mit jedem Schritt wurde mir klarer: Ich habe es wirklich geschafft. Von Barcelona an der Ostküste Spaniens bis an die Westküste Portugals, ans andere Meer. Mit meinem Bus, mit meiner Angst als blindem Passagier, mit allem, was ich bin.

Und dann dieses letzte kleine Glück, von dem ich euch erzählen muss: Auf dem Rückweg sah ich Herbie schon von Weitem zwischen den Dünen stehen, weiß im Mondlicht. Und ich habe mich auf ihn gefreut wie auf ein Zuhause. Weil er genau das ist.
Deshalb bin ich am ersten Tag auch nicht weitergefahren. Manche Momente muss man nicht verlängern, indem man mehr erlebt. Man muss sie verlängern, indem man bleibt.
Und jetzt kommt ihr: Wenn ihr diesen Text lest oder hört, schließt vielleicht für einen Moment die Augen. Nehmt euch die Zeit. Versucht, dieses Gefühl ein bisschen zu verstehen. Es in euch aufzunehmen. Der Strand ist groß genug für uns alle.
Danke fürs Mitlesen. Danke fürs Zuhören. Schön, dass ihr da wart.
Euer Dominik