Vor ein paar Tagen habe ich euch von unserem Tag in München erzählt. Von einem Gewitter, das keiner bestellt hatte. Heute möchte ich euch erzählen, wie es danach weiterging. Und ich gestehe es gleich zu Beginn: Dieses Kapitel fällt mir nicht leicht. Nicht, weil etwas Schlimmes geschehen wäre. Sondern weil mein Alltag zurzeit aus zwei Welten besteht, die sich nicht einigen können. Die eine steht still, jeder Tag ein Spiegelbild des vorherigen. Die andere rast, schneller, als ich schauen kann.
Und irgendwo dazwischen sitze ich und versuche, beides festzuhalten.
Ying und Yang in Lichtgeschwindigkeit
Die Kinder sind zurzeit wie Ying und Yang. Sie scheinen fest entschlossen, sich gegenseitig zu tyrannisieren und mir dabei den Alltag persönlich zur Hölle zu machen. Und doch bin ich einfach nur glücklich, dass es sie gibt. Ich vergöttere die beiden. Sie ersetzen sich, sie ergänzen sich. Was der eine nicht kann, kann der andere, und was der eine zu viel hat, fehlt dem anderen gerade. Ein vollkommener Kreislauf, der sich Tag für Tag neu erfindet.
Man denkt ja immer, morgen wird es besser, morgen wird es anders. Ich habe gelernt: Es wird nicht besser und nicht schlechter. Es verlagert sich nur. Der Streit sucht sich ein neues Zimmer, aber er zieht nicht aus.
Sie werden in Lichtgeschwindigkeit groß. Und das im Alltag erleben zu dürfen, ist eines der größten Privilegien, die ich habe.
Da ist es schon, dieses Wort. Lichtgeschwindigkeit. Bei den Kindern rast die Zeit davon, und ich stehe daneben und schaue zu. In meinem eigenen Leben dagegen gleicht ein Tag dem anderen. Vielleicht versteht ihr jetzt, was ich mit den zwei Welten meine.
Der Scheidepunkt
Ihr wisst, dass ich meinen Beruf verloren habe. Und ihr wisst vielleicht auch noch, wie viel er mir bedeutet hat. Seitdem stehe ich an einem Scheidepunkt, an dem ich ehrlich nicht sagen kann, wohin die Reise geht. Ich habe so viel investiert in diesen Neuanfang. So viel Zeit, so viel Arbeit, so viel von mir selbst. Ich programmiere jeden Tag zehn, zwölf, manchmal vierzehn Stunden, oft bis in die Nacht, an Dingen, die man wohl am ehesten Weiterentwicklungen nennen kann. Im wahrsten Sinne des Wortes: Ich entwickle mich weiter.

Meine Ärztin sagt, ich müsse jetzt langsam innehalten und all das Gelernte endlich umsetzen. Sie hat vermutlich recht. Aber ich habe mich nach der Videografen-Ausbildung immer noch nicht sicher gefühlt und deshalb noch eine zweite drangehängt, Social Media und Content Management. Kennt ihr dieses Gefühl? Noch ein Kurs, noch ein Zertifikat, dann bin ich so weit. Ich ahne inzwischen, dass dieses „so weit" ein Ort ist, an dem man nie ankommt. Er wandert immer ein Stück mit.
Basensalze und eine Idee
Vielleicht erinnert ihr euch an Jannis. Er war eine Zeit lang bei mir, und eigentlich wollten wir gemeinsam arbeiten, Coworking nannten wir das. Geworden ist daraus etwas anderes: ein stilles Nebeneinandersitzen, zwei Menschen, die dieselbe Luft atmen, während einer von beiden geduldig wartet, ob noch etwas entsteht. Es ist nichts entstanden. Das finde ich bis heute schade, denn ich glaube, die Symbiose aus uns beiden wäre eine gigantische geworden.
Und trotzdem verdanke ich diesen Tagen etwas. Jannis erzählte irgendwann beiläufig von jemandem in Thailand, der etwas mit Basensalzen macht. Mehr war es nicht, ein halber Satz, eine Randnotiz. Aber in mir hat dieser halbe Satz etwas angestoßen. Das will ich mir anschauen, dachte ich. Was, wie, wo. Und seitdem entwickle ich Pläne.
So bin ich nämlich. Ich lerne wie ein Staubsauger, ich nehme alles in mich auf, was mir begegnet. Nur mein Alter macht mir dabei zu schaffen, und das ärgert mich mehr, als ich zugeben möchte. Ich stehe mir manchmal selbst im Weg, komme nicht mehr so leicht um Ecken, um die ich früher gar nicht erst hätte denken müssen. Diese Nuss versuche ich jeden Tag aufs Neue zu knacken. Das ist zurzeit meine eigentliche Aufgabe: den eigenen Horizont so lange zu erweitern, bis wirklich nichts mehr geht. Ich sitze manchmal an Aufgaben, an denen ich der Verzweiflung näher bin als der Lösung, und spüre körperlich, dass es genug ist für heute. Und genau in diesen Momenten will ich weitermachen. So etwas habe ich an mir selbst noch nie erlebt.
Ich bin im App Store
Und dann kam dieser eine Moment, von dem ich euch erzählen möchte, weil er für mich mehr bedeutet, als er von außen vielleicht hergibt.
Ich bin längst weg von dem Gedanken, einfach nur Videos zu machen. Den Imagefilm, den Content für Social Media, das alles kann ich, das läuft nebenher. Ich bin inzwischen beim Programmieren angekommen. Xcode. Ich schreibe Apps. Der Mann, der ein Vierteljahrhundert lang über den Wolken Kaffee serviert hat, schreibt jetzt Apps.

Heute kam eine E-Mail von Apple, und ich habe sie dreimal gelesen. Meine erste eigene, selbst gebaute App ist im App Store. Keine Agentur dahinter, keine gekaufte Vorlage. Meine. Ob sie jemand kauft, ist mir dabei fast gleichgültig, denn darum ging es nie.
Ich weiß, es kann jeder. Aber ich habe es geschafft.
In diesem einen Satz steckt mein ganzes letztes Jahr.
Der Stein rollt noch nicht
Und doch gehört zur Wahrheit auch die andere Seite. Ich habe keine Aufträge. Es gibt Menschen um mich herum, die mir wohlwollend begegnen, die hier und da helfen möchten. Aber ich verstehe nicht, warum niemand mit mir zusammenarbeiten will. Warum niemand sieht, was ich sehe, wenn ich abends auf das schaue, was tagsüber entstanden ist. Ich sage das nicht aus Überheblichkeit. Ich sage es, weil es mich ratlos macht.
Kathrin, meine Frau, hat dafür einen Satz, den sie mir immer wieder sagt, mit dieser Geduld, die nur sie aufbringt:
Dominik, der Stein rollt noch nicht. Und wenn er ins Rollen kommt, wird es eine Lawine.
Dann, sagt sie, werde ich anfangen auszuwählen, mit wem ich überhaupt arbeiten möchte, weil es zu viel werden wird. Ich glaube ihr. Und ich hoffe still darauf, dass sie recht behält. Denn das eigene Selbstvertrauen steht ja nicht jeden Morgen gestärkt neben dem Bett. Die Wahrheit ist: Ich stehe oft in der Früh auf und denke, ich kann das nicht, und ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Die Selbstzweifel sind dann schon wach, bevor ich es bin. Zurzeit gelingt es mir, sie zu überbrücken, mit Unterstützung, und das ist auch gut so.

Bits und Bytes
Und dann setze ich mich an meinen Schreibtisch, und es geschieht etwas, das ich euch kaum erklären kann.
Ich setze meine Brille auf, und es ist, als würde ich die Welt verlassen. Als träte ich in einen eigenen Raum, in dem nur noch Bits und Bytes wohnen. Alles andere bleibt draußen vor der Tür: der Lärm, die Zweifel, der Hund. Dort drinnen kann ich meine ganze Kreativität ausleben, ungebremst, und ich fühle mich in diesem Raum so wohl wie lange nirgends.

Nur eines stört mich dort, und ihr werdet vielleicht schmunzeln: die Technik selbst. So komplex und beeindruckend sie geworden ist, mir ist sie noch immer zu langsam. Ich möchte so vieles erschaffen, und dann stehen da diese kleinen Stolpersteine, und ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass alles schneller gehen müsste, effizienter, vollkommener.
Merkt ihr es? Die Kinder werden mir zu schnell groß, und die Technik ist mir zu langsam. Irgendetwas an meiner inneren Uhr geht falsch. Oder vielleicht geht sie auch genau richtig, und die Welt um mich herum kann sich nur nicht entscheiden.
Der Everest im Sprint
Aber eigentlich wollte ich vom Alltag erzählen. Mein Alltag besteht zurzeit aus derselben Tagesroutine, und ihr wisst aus dem letzten Kapitel, was Routine mit mir macht. Andere finden in ihr Halt. Ich finde in ihr Wände.
Ich habe in meinem Leben viel gearbeitet, in meiner ersten Selbstständigkeit mehr, als gut für mich war. Aber was ich zurzeit tue, ist von anderer Natur. Es fühlt sich an, als würde ich im Sprint auf den Mount Everest laufen, auf der anderen Seite wieder hinunter, und das mehrmals am Tag. Ohne Pause, ohne Publikum, ohne dass es jemand sieht. Manchmal verliere ich dabei die Perspektive, und dann kommt die Angst. Und dann kommt Kathrin, legt mir ihre Worte hin wie eine Hand auf die Schulter und sagt: Kopf hoch. Das wird schon.
Und dann ist da noch etwas, das ihr aus meinen Kapiteln kennt: meine Panikstörung. Sie ist, wenn ich ehrlich bin, der denkbar schlechteste Begleiter für das, was jetzt eigentlich anstünde. Denn eigentlich müsste ich hinaus, Kunden gewinnen, Hände schütteln, mich zeigen. Aber ich kann nicht hinaus. Sobald ich draußen bin, unter Menschen, wird es zur Katastrophe, und das steht mir mehr im Weg als alles andere. Ich bräuchte einen Menschen, der diese erste Tür für mich öffnet, der verbindet. Alles danach kann ich selbst. Aber dieser erste Schritt über eine fremde Schwelle, ich weiß nicht, wie oft ich mir noch Mut zusprechen soll, damit ich ihn gehe, ohne weiche Knie zu bekommen.
Früher hätte ich über eine solche Situation gelacht und einen Witz daraus gemacht. Heute steht sie mir im Weg. Auch das gehört zur Ehrlichkeit dieses Kapitels dazu.
Ein Anruf aus Charlotte
Und dann gibt es diese Tage, die sich ganz leise selbst einladen.
Gestern rief mich ein sehr guter Freund an, aus Charlotte NC. Er hatte ein technisches Problem, und mehr darf ich darüber nicht erzählen, das bleibt unter uns. Wir sprachen eine Weile, das Gespräch war eigentlich schon zu Ende, da sagte er zum Abschied noch einen einzigen Satz, so beiläufig, wie man Grüße ausrichtet: „Und viel Spaß morgen bei der Sonne."
Ich muss zu meiner Schande gestehen: Ich hatte es nicht auf dem Schirm. Ausgerechnet ich, der ein Vierteljahrhundert über den Wolken zu Hause war, wusste nicht, dass sich am nächsten Tag der Mond vor die Sonne schieben würde. Eine Sonnenfinsternis, direkt über uns, und ich hätte sie beinahe verpasst. Aus einem Nebensatz am Telefon wurde so das kleine Wunder des nächsten Tages.
Der Tag, an dem die Welt kurz stehen blieb
Naiv, wie ich manchmal bin, dachte ich zuerst in Bildern. Die Drohne aufsteigen lassen, die Sonne einfangen, das eine oder andere besondere Foto. Die Wirklichkeit hat mich freundlich ausgelacht. Man unterschätzt die Helligkeit dieser Sonne gewaltig, und Finsternis-Brillen zu kaufen war am Tag davor schlicht unmöglich, nirgendwo, ganz Deutschland war offenbar schneller gewesen als ich.
Wir haben uns mit einem befreundeten Pärchen und deren Kindern auf einer Wiese getroffen. Einfacher geht es kaum: eine Wiese, ein paar Decken, Kinder. Es hätte, das gebe ich zu, wunderbar in meine Vanlife-Kapitel gepasst. Aber ich bleibe ehrlich, es war reiner Alltag. Der schönste Teil davon.
Ich verkündete noch, ich könne ja mit meiner Kamera Fotos machen. Es war Sarkasmus, und er war berechtigt. Ich hätte gefühlt 35 Sonnenbrillen übereinanderlegen können, dazu alle meine ND-Filter, und es hätte bei Weitem nicht gereicht. Und die Drohne? Was vergisst der Fachmann mit viereinhalbtausend Flugstunden, wenn er eine Sonnenfinsternis filmen möchte? Den passenden Filter. Der Vollprofi bei der Arbeit. Ich musste selbst darüber lachen.
Und dann geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Unweit von uns saß eine kleine Familie, Vater, Mutter, Tochter. Irgendwann kamen sie herüber, damit auch unsere Kinder durch ihre Finsternis-Brille schauen konnten. Erst ab und zu, dann immer öfter, und schließlich hat die Frau uns die Brille einfach dagelassen. Geschenkt, von Wiese zu Wiese, von Fremden zu Fremden. Ein wenig Gespräch, sonst war da niemand außer uns wenigen Menschen. Das Wetter spielte mit, die Luft war weich, und über uns schob sich in aller Seelenruhe der Mond vor die Sonne.

Versteht ihr, was da geschehen ist? Die Kinder werden in Lichtgeschwindigkeit groß, meine Tage rasen den Everest hinauf und hinunter, die Technik ist mir zu langsam, alles in meinem Leben rennt. Und dann schiebt sich ein einziges Mal der Mond vor die Sonne, und auf einer Wiese in Bayern bleibt die Welt einfach stehen. Niemand rennt mehr. Alle schauen nach oben.

Es war einfach nichts. Aber es war alles.
Und es hat so gutgetan.
Heute nicht, Kollege
Das ist mein Alltag. Auf der einen Seite die Routine, die mir Wände baut. Auf der anderen Seite dieses vollkommene Aufgehen in dem, was ich erschaffe, ohne es bisher jemandem beweisen zu dürfen. Und dazwischen wächst, leise und störrisch, die Hoffnung, dass ich bald den ersten Kunden gewinne, mit dem ich Hand in Hand in diese Zukunft gehen kann. Manchmal glaube ich, es traut sich einfach noch niemand. Warum, weiß ich nicht. Aber ich habe beschlossen, keine Zeit mehr an die Frage zu verschwenden, was andere über mich denken könnten. Ich weiß, was ich kann. Ich entwickle mich weiter. Das trägt mich, und es macht mir Freude.
Ich habe euch vor einigen Wochen geschrieben, wie dunkel es in mir aussah. Ihr kennt meinen schwarzen Hund. Er war auch auf dieser Wiese dabei, er ist ja immer dabei. Aber an manchen Tagen kann man ihm sagen: Nein. Heute nicht, Kollege. Leg dich in die Ecke. Heute möchte ich mein Leben leben. Heute möchte ich diesen Moment genießen.
Und das war so ein Moment. Wir saßen einfach nur da. Es gab keinen Anlass, kein Programm, keinen Plan. Wir haben einfach nur gequatscht, geredet, die Zeit vergessen. Mehr war es nicht. Und gerade deshalb war es alles.
Wenn ich diesem Kapitel einen Wunsch mitgeben darf, dann diesen. An alle da draußen, die ebenfalls einen solchen Hund an der Leine führen und es vielleicht nicht einmal ihrem Partner, ihren Freunden oder ihrem engsten Umfeld anvertrauen: Es sind diese winzigen Zwischensequenzen, die kleinen, ungeplanten Augenblicke, die das Leben so schön und so bunt machen. Nicht der perfekte Plan. Nicht der große Wurf.
Das Leben ist kein perfekter Ort und kein perfekter Zeitpunkt. Das Leben sind genau diese kleinen Momente.
Gebt nie auf. Der nächste Moment steht vielleicht schon vor der Tür und klopft. Schiebt den Hund zur Seite, öffnet und lasst ihn herein. Und wenn sich dafür eigens der Mond vor die Sonne schieben muss.
Willkommen an Board, euer Dominik.